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„Work-Life-Balance“ – Modewort auf Abwegen




 

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Es ist schon beachtlich, welche Karriere der Begriff „Work-Life-Balance“ in den letzten 10, 15 Jahren hingelegt hat. Geprägt wurde die Wortschöpfung Mitte der 1980er Jahre zunächst im wissenschaftlichen Umfeld. Erst Ende der 1990er Jahre schaffte es die „Work-Life-Balance“ zunehmend in die populären Medien. Ab da jedoch ging es steil bergauf. Mit Aufkommen der New Economy erlebte der Begriff einen regelrechten Hype, der bis heute anhält. In den Medien ist die „Work-Life-Balance“ mittlerweile ein Dauerbrenner, und rund um das Thema haben sich vielfältige Dienstleistungen etabliert – „WLB“ ist eben auch ein riesiger Markt.

Abwegiger Gegensatz

Umso beachtlicher ist aus meiner Sicht allerdings auch, wie unkritisch mit diesem beliebten Modewort umgegangen wird. Mich hat der Begriff, ehrlich gesagt, schon immer etwas befremdet. Die Gegenüberstellung von „work“ und „life“ suggeriert, dass es sich hierbei um Gegensätze handelt. Und das rückt „work“ in ein ziemlich schlechtes Licht. Steht Arbeit im Gegensatz zum Leben? Ich finde die Gegenüberstellung von Arbeit und Leben als von einander getrennte Sphären schlicht abwegig. Karl Marx beschrieb „Arbeit“ als einen intrinsisch motivierten Prozess der Auseinandersetzung des Menschen mit der Natur, in welchem der Mensch seine materiellen Bedürfnisse zu befriedigen sucht. Durch Arbeit gestaltet der Mensch die natürliche Welt und verändert zugleich seine eigene Natur. Es entstehen neue Bedürfnisse, die in neue Formen produktiver Tätigkeit münden. Das heißt: Arbeit ist der Antriebsmotor der menschlichen Geschichte. Leben ohne Arbeit ist nicht denkbar.

Der Wert der Arbeit

Welcher Wert der Arbeit in einer Gesellschaft zugemessen wird, ist kulturell und historisch variabel. In der Antike und auch im Mittelalter hatte Arbeit ein negatives Image. Die körperlich anstrengenden, mit Mühen und Plagen verbundenen Tätigkeiten wurden den unteren Schichten aufgebürdet. Eine positive Konnotation erhielt die Arbeit erst mit der Durchsetzung der „protestantischen Ethik“ (Max Weber). Eine auf Leistung und Pflichterfüllung ausgelegte Lebensweise galt hier als Ticket in ein glückliches Jenseits. Als Wegbereiterin der Industrialisierung und der kapitalistischen Wirtschaftsweise wirkt die positive Grundeinstellung zur Arbeit bis in die Gegenwart nach. Die anwachsenden Debatten über die „Work-Life-Balance“ bringen nun wieder eine negative Bewertung der Arbeit hervor.

Auffällig ist, dass es gerade privilegierte, gut (aus-)gebildete, oft jüngere Menschen sind, die „work“ und „life“ einander gegenüberstellen. Dabei haben Menschen in den entwickelten Industrienationen nie weniger gearbeitet als heute. Das gilt für die Wochenarbeitszeit genauso wie für die Lebensarbeitszeit. Und nie war das Wohlstandniveau so hoch. Was also gibt es zu beklagen? Kürzlich sah ich eine Dokumentation über die zu Japan gehörenden Insel Miyako. Diese Insel ist bekannt für die Langlebigkeit ihrer Bewohner. Viele Frauen und Männer sind dort auch mit 90 oder gar 100 Jahren noch bei guter Gesundheit – und arbeiten. Da ist der über 100-Jährige, der Rinder züchtet, die 90-Jährige, die täglich 10 Stunden in ihrem Lebensmittelgeschäft Kunden bedient oder die hochbetagte Dame, die täglich in ihrer Weberei Studierende im Anfertigen von Kimono-Stoffen unterrichtet. Auf Arbeit verzichten möchte dort niemand.

Arbeit ist Leben

Was ich in den „WLB“-Diskussionen vermisse, ist die Anerkennung der Tatsache, dass Arbeit ein integraler Bestandteil menschlichen Lebens ist – und nicht nur Mittel zum Zweck. Arbeit stiftet Sinn. Arbeit gibt dem Tag Struktur. Arbeit schafft soziale Kontakte und Beziehungen. Arbeit stärkt das Selbstwertgefühl und verschafft Erfolgserlebnisse. Wer das Elend der Arbeitslosigkeit an sich selbst oder anderen erlebt hat, weiß wie wichtig diese Faktoren für Zufriedenheit und Gesundheit sind. Gerade im Bereich der psychischen Erkrankungen, deren (angeblicher) Anstieg gern als Beleg für eine fehlende „Work-Life-Balance“ ins Feld geführt wird, erweist sich Arbeit als protektiver Faktor. Depressionen treten auffällig häufig in der Folge von Arbeitslosigkeit oder Verrentung auf. Sprichwörtlich ist das „Loch“, in das jemand fällt, wenn die Arbeit fehlt. Mittlerweile mehren sich auch Stimmen von Psychologen, die darauf hinweisen, dass Phänomene wie z.B. Burn-out nicht unbedingt aus den gewandelten Anforderungen der modernen Arbeitswelt resultieren, sondern oft auch eine Folge veränderten Freizeitverhaltens sind. Mediale Überlastung und anderer Freizeit-Stress fordern offenbar ihren Tribut.

Ich denke, die Arbeit ist besser als der Ruf, den ihr die „WLB“-Debatte beschert. Es sollte nicht darum gehen, „work“ und „life“ gegen einander auszuspielen, sondern beide als untrennbar zu begreifen. Vielleicht sollten die Diskussionen eher um die Frage nach „guter“ Arbeit kreisen. Das jedenfalls schlägt der Philosoph Thomas Vašek vor, der für „WLB“ klare Worte findet: „Work-Life-Bullshit“.

Quelle Foto:  © WestPic – Fotolia.com

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