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Schiffbruch: Workshopmethode für das Thema Entscheidungsfindung




 

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Was nehmen Sie mit, wenn Sie auf hoher See Schiffbruch erleiden? Die Flasche Cognac oder das Dieselöl? Das aufblasbare Kopfkissen oder das Moskitonetz? Wenn in Ihrer Organisation das Thema „Entscheiden“ auf dem Programm steht, könnte das Spiel „Schiffbruch“ Ihnen wertvolle Dienste leisten. Denn mit dieser Methode lassen sich verschiedene Wege der Entscheidungsfindung durchspielen und die jeweiligen Vor- und Nachteile herausarbeiten. Das Spiel entstammt einer Sammlung von Oliver Klee und kann im Rahmen eines Workshops wunderbar der Methode „Insel ohne Wiederkehr“ voran gestellt werden.

Die Vorbereitung ist einfach. Sie brauchen nur:

  • eine Spielanleitung
  • eine Liste mit Gegenständen und Priorisierungsraster pro Teilnehmer/in
  • Schreibmaterial für alle

Gespielt wird je nach Teilnehmerzahl in mehreren Gruppen (zu je 8 Personen). Den Plot können Sie frei wählen: ein Segeltörn vor Kap Hoorn, eine Tour mit einer Luxusyacht vor Südafrika oder was auch immer. Wichtig ist, dass Sie als SpielleiterIn die Geschichte ein wenig ausschmücken. Wenn alle TeilnehmerInnen sich „an Bord“ so richtig wohlfühlen, bricht urplötzlich ein Feuer aus. Zum Glück gibt es ein Rettungsboot, in das die Reisenden sich und ein paar Gegenstände retten können.

Während die Geretteten im Boot sitzen, bemerken sie jedoch, dass das Boot zu voll ist und sie sich von einigen Objekten trennen müssen. Die Aufgabe der Gruppenarbeit besteht nun darin, die vorgegebenen Gegenstände in eine Rangordnung zu bringen. Nutzen Sie dazu die folgende Liste mit Priorisierungsraster, die jeder Person ausgehändigt wird:

Gegenstand                                                                          Rangordnung

1 Sextant (ohne weitere Dokumente) individuell Gruppe Plenum
1 Rasierspiegel
25 l Trinkwasser
1 großes Moskitonetz
1 Nahrungsration/Person (reicht für 1 Tag)
1 Karte des Seegebietes, in dem sich das Boot befindet
1 aufblasbares Kopfkissen
24 l Dieselöl
1 FM-Transistorradio
1 l Haifisch-Abwehr-Flüssigkeit
10 qm Plastikfolie
1,5 l Cognac
5 m Nylonschnur
400 g Schokolade/Person
1 Angel mit Zubehör

Zudem haben einige der Schiffbrüchigen noch etwas Bargeld (Scheine und Münzen) sowie Streichhölzer dabei.

Nun geht es los. Es werden drei Phasen durchlaufen, wobei streng auf die Einhaltung der Timeboxes zu achten ist. Zeitdruck ist ein wesentliches Element des Spiels. Insgesamt liegt der Zeitaufwand für die Durchführung bei ca. 1,5 bis 2 Stunden, je nach Gruppengröße und Diskussionsfreude.

Phase 1- Einzelentscheidung: Jede Person erstellt ihre individuelle Rangliste. Timebox: 5 min.

Phase 2 – Gruppenentscheidung: Innerhalb der Gruppe muss ein Beschluss zu einer Rangfolge verabschiedet werden. Dies muss keine konsensuelle Entscheidung sein, es sollte aber letztlich eine Rangliste vorliegen, mit der alle „leben können“. Timebox: 15 min.

Phase 3 – Delegiertenentscheidung: Aus jeder Gruppe werden zwei VertreterInnen gewählt, die sich im Plenum zusammensetzen und gemeinsam eine Rangliste verabschieden. Timebox: 10 min.

Anschließend werden die Ergebnisse ausgewertet und diskutiert. Dazu werden die Ergebnisse der Gruppen untereinander verglichen und schließlich noch ein Vergleich mit Empfehlungen von „Sachverständigen“ (MarineoffizierInnen) durchgeführt. Bei einem Schiffbruch raten die Sachverständigen dazu, Gegenstände zu retten, die (a) das kurzfristige Überleben sichern und (b) dabei helfen, potenzielle Retter auf die Notlage aufmerksam zu machen. Die Priorisierung der ExpertInnen könnte demnach so aussehen:

  1. Rasierspiegel: kann durch Reflektion des Sonnenlichts verwendet werden, um Signale zu senden
  2. Dieselöl: kann ins Wasser gegossen und mit Hilfe von Geldscheinen und Streichhölzern angezündet werden, um Signale zu senden
  3. Wasser: Menschen überleben nur ca. 36 Std. ohne Wasser
  4. Nahrungsration: kann notfalls über mehrere Tage gestreckt werden
  5. Plastikfolie: kann zum Regenwasser sammeln und zum Schutz gegen Unwetter genutzt werden
  6. Schokolade: dient als Reservenahrung
  7. Angel und Zubehör: da nicht sicher ist, ob an der Unglücksstelle Fische gefangen werden können, ist die Schokolade wichtiger
  8. Nylonschnur: kann zum Festbinden wichtiger Dinge bei Sturm benutzt werden
  9. Aufblasbares Kopfkissen: dient als Rettungsmöglichkeit, wenn jemand über Bord geht
  10. Haifisch-Abwehr-Flüssigkeit: ist nur sinnvoll, wenn man sich im Wasser befindet
  11. Cognac: kann zum Desinfizieren von Wunden genutzt werden. Sollte nicht getrunken werden, da Alkohol im Körper zu Wasserverlust führt
  12. FM-Transistorradio: ist nicht sinnvoll, da die Reichweite aufgrund der Erdkrümmung max. 30 Kilometer beträgt
  13. Karte des Seegebietes: ist nicht sinnvoll, da die eigene Position nicht sicher bestimmt werden kann und sich das Boot nicht aus eigener Kraft bewegen kann
  14. Moskitonetz: ist nicht sinnvoll, da es auf dem offenen Meer keine Mücken gibt. Auch zum Fischen ungeeignet.
  15. Sextant: ist ohne Chronometer und Tabellen nicht sinnvoll einsetzbar

Natürlich ist dies nicht die „einzig wahre“ Lösung! Das Ziel des Spiels ist nicht, ein – im Sinne von Expertenwissen – möglichst gutes Ergebnis zu erreichen. Vielmehr geht es darum, zu erfahren, wie Entscheidungsprozesse ablaufen, welche Wege eingeschlagen werden können und welche Schwierigkeiten zu erwarten sind.

Viel Spaß beim Ausprobieren!

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Quelle Foto: @ dp@pic- Fotolia.com

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