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„Wir brauchen einen Sündenbock!“ Rollenspiel (nicht nur) für Projektteams




 

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Kosten zu knapp kalkuliert, Statusbericht versemmelt, Anforderungen nicht verstanden oder Projektziel verfehlt – wenn etwas schiefgeht, braucht es einen Schuldigen. Obwohl klar ist, dass in komplexen Umgebungen monokausale Zusammenhänge eher selten sind, sind Schuldzuweisungen an einzelne Personen oder Gruppen (nicht nur) in Projekten an der Tagesordnung. Schnell werden Schuldige gefunden, die sich schlecht wehren können und als Bauernopfer herhalten müssen.

Diesen „Sündenbock-Mechanismus“, den der französische Kulturanthropologe René Girard Angang der 1980er Jahre eingehend beschrieben hat, kennt eigentlich jeder: Fühlt sich eine Gemeinschaft von äußeren Mächten bedroht oder in ihrer Einheit gefährdet, wird eine Person oder eine Gruppe ausgewählt, zu der eine falsche Kausalverbindung zu dieser (tatsächlichen oder vermeintlichen) Bedrohung hergestellt wird. Ausgewählt werden häufig Personen oder Gruppen, die wenig Macht oder Kompetenzen besitzen oder ohnehin eine Außenseiterposition bekleiden. Girard beschreibt dies als ein konstituierendes Element der menschlichen Kultur. Die soziale Funktion des Sündenbock-Mechanismus besteht darin, die „Sünde“ oder „Schuld“, durch die die Bedrohung ausgelöst wurde, auf eine Person oder Gruppe zu konzentrieren und so quasi nach Außen zu verlagern. Indem der Sündenbock geopfert wird, wird das Unheil abgewendet (oder zumindest gesühnt) und die Gemeinschaft wieder geeint.

In Unternehmen sind es vielfach Führungskräfte aus dem mittleren Management, die gern zu Sündenböcken gemacht werden. In der für sie typischen Sandwich-Position liegt eine besondere Vulnerabilität. Zum einen müssen sie Entscheidungen der oberen Managementebene mittragen und gegenüber den MitarbeiterInnen durchsetzen – unabhängig davon, wie sie selbst zu diesen Entscheidungen und Anweisungen „von oben“ stehen. Zum anderen werden ihnen „von unten“ strukturelle Probleme angelastet wie z.B. Personalmangel oder Gehaltsstrukturen, auf die sie selbst nur wenig oder keinen Einfluss haben.

Es ist sinnvoll, MitarbeiterInnen und Führungskräfte in einem Unternehmen für den Sündenbock-Mechanismus zu sensibilisieren. Da alle Theorie grau ist, lässt sich dies am besten ganz praktisch und erlebnisnah auf spielerische Weise erreichen. Dazu möchte ich Ihnen gern das folgende Rollenspiel ans Herz legen, das sich für Workshops mit bis zu 12 TeilnehmerInnen eignet. Gefunden habe ich die Methode in einer Sammlung von Oliver Klee (s.u.).

Die belagerte Stadt

Methode: Rollenspiel / Experiment

Ziel: Sensibilisierung für gruppendynamische Prozesse, Entscheidungsfindung unter schwierigen Bedingungen, Sündenbockmechanismen und Umgang mit Konfliktsituationen

Zeitaufwand: ca. 90-120 min.

Vorbereitung: Rollenbeschreibung für 5 SpielerInnen, Auswertungsbögen für 5-7 BeobachterInnen, Stuhlhalbkreis mit 5-7 Plätzen, Platz für die Bühne

Durchführung:

  1. Bevor das Spiel losgeht erhalten fünf TeilnehmerInnnen aus der Gruppe ihre Rollenbeschreibungen. Gespielt werden folgende fünf Rollen einer mittelalterlichen Stadt: Bürgermeister, Arzt, Krankenpfleger, Wächter, Schmied. Diejenigen, die diese Rollen spielen, werden angewiesen, die dazu gehörigen Beschreibungen genau zu studieren und sich in die jeweilige Figur einzufühlen. Ziel ist es, dass die Rolle lebendig ausgestaltet und im Spiel stimmig agiert wird. Die Informationen zur jeweiligen Rollenbeschreibung bleibt zunächst geheim. Während des Spiels können die Akteure – dem Charakter ihrer Rolle entsprechend – entscheiden, ob und wie viel Informationen sie preisgeben wollen. Die übrigen TeilnehmerInnen schlüpfen in Beobachtungs- und Dokumentationsrollen. Dabei kann es hilfreich sein, Zuordnungen zu einzelnen SpielerInnen vorzunehmen, damit nicht jeder jeden beobachtet. Die Verhaltensweisen der verschiedenen Figuren werden auf den vorbereiteten Auswertungsbögen festgehalten. Dabei geht es z.B. um die Bildung von Koalitionen, Vermittlungsversuche, Angriffe, Verteidigungshaltungen usw.
  2. Nach der Aufteilung der Gruppe und der Vorbereitung der SpielerInnen erklärt die Workshopleitung das Szenario: Die mittelalterliche Stadt Trotzburg wird von den Hochbergern belagert. Sie beschuldigen die Trotzburger, einen Kaufmann umgebracht zu haben und fordern innerhalb einer Stunde die Auslieferung der schuldigen Person.
  3. Das Rollenspiel beginnt. Die fünf Figuren verhandeln auf der Bühne das Problem. Die erste Lösung, die meist recht schnell entwickelt wird, ist die, mit den Hochbergern ins Gespräch zu kommen. Nun greift die Workshopleitung ein und ergänzt das Szenario: Die Hochberger werden nicht von ihrer Forderung abweichen und sind zu keiner Verhandlung bereit. Stattdessen stellen sie ein Ultimatum. Wenn nicht binnen einer Stunde ein Schuldiger ausgeliefert wird, werden sie Trotzburg stürmen und niederbrennen. Eine Verteidigung der kleinen Stadt gegen die Übermacht der Hochberger ist ebenfalls ausgeschlossen
  4. Das Spiel entwickelt meist eine starke Dynamik, auf die die Workshopleitung ein Auge haben sollte. Da der Fall so konstruiert ist, dass der Sündenbock-Mechanismus kaum umgangen werden kann, sind emotionale Reaktionen erwartbar. Abfangen kann man diese durch den Hinweis, dass die Reaktionen und Verhaltensweisen typisch für derartige Konstellationen sind und nichts mit den beteiligten Personen zu tun haben. Eine „richtige“ Lösung für das Problem gibt es ohnehin nicht. Mögliche Lösungen, die von Gruppen erarbeitet wurden, sind z.B.: (a) Alle fünf stellen sich (kommt fast nie vor); (b) Es wird eine Person ausgelost; (c) Es meldet sich ein Freiwilliger; (d) Es wird ein Gefangener aus dem Kerker ausgeliefert, der ohnehin hingerichtet werden sollte (die bislang kreativste Lösung, von der Klee berichtet).

Auswertung

Für die Auswertung stellen die BeobachterInnn ihre Ergebnisse vor und die SpielerInnen berichten von ihrem Erleben und ihren inneren Konflikten. Die Gruppe diskutiert die Erfahrungen und Einsichten. Wichtig ist es, einen Bogen zum Arbeitsalltag zu schlagen und z.B. zu fragen

  • Wo habe ich Ähnliches in meinem Team erlebt?
  • In welchem Zusammenhang wurde ich selbst schon einmal zum Sündenbock gemacht?
  • Welche Teamkonflikte wurden stellvertretend an einen Sündenbock abgegeben, um sie nicht auszutragen?
  • Welche Umstände im Team befördern den Sündenbock-Mechanismus?
  • Welche Möglichkeiten gibt es, zu verhindern, dass jemand aus dem Team zum Sündenbock gemacht wird?

Eine Vorlage für den Auswertungsbogen nebst Ausfüllhilfe sowie die fünf Rollenbeschreibungen finden Sie bei Oliver Klee im spielereader ab Seite 60. Natürlich können Sie auch Ihr eigenes Szenario entwerfen – es muss ja nicht immer das Mittelalter sein 🙂

Beim Ausprobieren wünsche ich Ihnen viel Spaß. Und wenn Sie Ihre Erfahrungen zum Thema Sündenbock-Mechanismus mit anderen teilen wollen, schreiben Sie doch einfach einen Kommentar.

Weitere Spiele für Workshops:

Quelle Foto: @shockfactor.de – Fotolia.com

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