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Was im Leben wichtig ist – die vier Bausteine einer gelungenen „Work-Life Balance“




 

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Eigentlich mag ich den Begriff „Work-Life-Balance“ nicht. Das Modewort impliziert einen Gegensatz, den es überhaupt nicht gibt: Arbeit ist nicht der entgegengesetzte Pol zum Leben, sondern sein integraler Bestandteil. Arbeit ist der Antriebsmotor der menschlichen Geschichte, Arbeit ist Leben. Wer’s genauer wissen will, kann hier weiterlesen: Work-Life-Balance: Modewort auf Abwegen. Dass ich den Begriff in der Überschrift dennoch bemühe, hat zwei Gründe: Zum einen schien mir das Schreiben über die „vier Bausteine einer gelungenen Existenz“ in einem Blogpost doch ein bisschen anmaßend. Zum anderen geht es im Folgenden durchaus darum, dass verschiedene Bereiche des Lebens „ausbalanciert“ werden müssen. Wobei damit nicht zwingend ein Gleichgewicht gemeint ist. Aber dazu später mehr.

Die vier Bausteine, die für ein zufriedenes, glückliches Dasein als essentiell betrachtet werden können, sind: Soziale Beziehungen/Nähe, Körper/Wohlbefinden, Leistung/Arbeit und Geist/Sinn.

 

work-life-balance

1. Soziale Beziehungen/Nähe

Der Mensch ist ein soziales Wesen und als solches auf den Austausch und die Gemeinschaft mit anderen Menschen angewiesen. Für manche stehen Partner und Familie an erster Stelle, andere finden Anerkennung und Geborgenheit im Freundeskreis oder bei Wahlverwandten. Auch Bekannte, Nachbarn und KollegInnen gehören zu den sozialen Kontakten, die unseren Alltag prägen. Der Ausschluss aus der Gemeinschaft wird in vielen Kulturen als Bestrafung eingesetzt (Verbannung, Verstoßung, Gefängnis) oder dient rituellen und spirituellen Zwecken (Übergangsriten, Kloster, Einsiedelungen). Die Vernachlässigung sozialer Beziehungen hat schwerwiegende Folgen: Es kommt zu Konflikten innerhalb der Familie und Partnerschaft, ggf. sogar zur Trennung. Freunde wenden sich ab, auch andere Kontakte gehen nach und nach verloren. Am Ende stehen Einsamkeit und das Bedauern über die verlorene Zeit, die man gern mit seinem Kind, der Partnerin, dem Großvater, der besten Freundin usw. verbracht hätte – die sich nun aber nicht mehr nachholen lässt. Um für sich diesen Lebensbereich einmal ehrlich auf den Prüfstand zu stellen, sind die folgenden Fragen hilfreich:

  • Wie wichtig ist mir die Nähe zu anderen Menschen?
  • Welche Rolle spielen andere Menschen in meinem Leben?
  • Wie gut pflege ich meine sozialen Kontakte? Fällt mir das leicht oder schwer?
  • Mit wem kann ich wirklich schwerwiegende Entscheidungen besprechen? Wen frage ich in einem solchen Fall um Rat?
  • Ist mein Freundeskreis in den letzten drei, fünf, zehn Jahren gewachsen oder geschrumpft?

2. Körper/Wohlbefinden

Gesundheit ist nicht alles, aber ohne Gesundheit ist vieles schwierig. Obwohl die meisten Menschen recht genau wissen, was einen gesunden Lebensstil fördert, tun sie sich mit der Umsetzung im Alltag schwer. Zu kuschelig ist es auf dem Sofa, zu lecker riecht die Schweinshaxe, zu unbequem ist die Vorsorgeuntersuchung. Werden die Bedürfnisse des Körpers über einen längeren Zeitraum ignoriert und diesem Lebensbereich zu wenig Raum gegeben, sind zunächst schwindende Kraft und Befindlichkeitsstörungen die Folge. Später können anhaltende massive Beschwerden und Einschränkungen hinzutreten. Sich um seinen Körper und das eigene Wohlbefinden zu kümmern bedeutet nicht, zum digital kontrollierten Sportfreak, freudlosen Kostverächter oder Dauergast in der Arztpraxis zu mutieren. Das bewirkt erwiesenermaßen genau das Gegenteil. Ich denke aber, dass jeder z.B. Formen der Bewegung und der Entspannung finden kann, die ihm Freude bereiten. Ein Weisheitsspruch aus dem 16. Jahrhundert lautet: „Tu deinem Leib etwas Gutes, damit deine Seele Lust hat, darin zu wohnen.“ (Teresa von Avila, spanische Ordensfrau und bekannte Mystikerin). Ich finde, das stimmt auch heute noch. Wenn Sie diesen Lebensbereich für sich hinterfragen wollen, helfen Ihnen diese Anregungen:

  • Wie schätze ich mein körperliches Wohlbefinden auf einer Skala von 1-10 (sehr schlecht – absolut hervorragend) ein?
  • Wie hat sich meine körperliche Belastbarkeit in den letzten drei, fünf, zehn Jahren verändert?
  • Was tut meinem Körper gut? Notieren Sie mindestens fünf Punkte. Wie oft gönne ich meinem Körper das, was ihm guttut?
  • Wieviel Zeit widme ich meinem Körper/meinem Wohlbefinden pro Tag, pro Woche, pro Monat?
  • Was tue ich konkret, um meine Gesundheit und mein Wohlbefinden zu erhalten?

3. Leistung/Arbeit

Leistung macht stolz. Etwas leisten zu können, ist basal für das Selbstbewusstsein und den Selbstwert. Wer nichts (mehr) leisten kann oder darf, nicht „gebraucht“ wird, hat ein hohes Risiko für Selbstwertprobleme, Ängste und depressive Phasen. Nicht zufällig sind Arbeitslosigkeit, Verrentung oder auch das Empty-Nest-Syndrom Auslöser für Lebenskrisen und psychische Probleme. In unserer Gesellschaft ist es vor allem die Berufsarbeit, die diesen Lebenssektor bestimmt. Dabei ist Arbeit für die meisten Menschen keineswegs nur ein notwendiges Übel, um den Lebensunterhalt zu bestreiten. Oder der „böse“ Gegenpol zum „guten“ Leben (s.o.). Arbeit gibt dem Tag Struktur, sie schafft Sinn, sie stiftet soziale Kontakte. Ein guter Job (und ja, das muss nicht der bestbezahlte oder der mit dem höchsten Prestige sein) ist ein protektiver Faktor im Hinblick auf psychische Erkrankungen wie z.B. Depressionen. Neben der Berufsarbeit gehören aber auch das ehrenamtliche Engagement in Politik und Kirche, Weiterbildungen, Familienarbeit, soziale Tätigkeiten usw. in diesen Lebensbereich. Eine Vernachlässigung von Leistung und Arbeit kann Probleme mit dem sozialen Umfeld nach sich ziehen, sie kann massive finanzielle Schwierigkeiten bis hin zur Zahlungsunfähigkeit bedingen und sie kann mit dem Verlust von Selbstvertrauen und Selbstwert einhergehen. Fragen, die diesen Lebensbereich ausleuchten, können z.B. diese hier sein:

  • Welche Rolle spielt Leistung in meinem Leben?
  • Welche Bedeutung haben Beruf und Karriere für mich?
  • Wie würde ich mein Leben gestalten, wenn ich plötzlich eine Sofortrente von 10.000 EUR monatlich bekäme? Machen Sie einen „typischen“ Wochenplan.
  • Wo werde ich gebraucht?
  • Wann habe ich mich zuletzt weitergebildet?

4. Geist/Sinn

Wie der Körper, so hat auch der menschliche Geist Bedürfnisse, die nicht zu kurz kommen dürfen. Wir brauchen Anregungen, Auseinandersetzungen mit Themen, die uns bewegen, neue Perspektiven, geistigen Genuss. Um in ihrem Leben verwurzelt zu sein, ist für viele Menschen Spiritualität wichtig, ob religiös geprägt oder nicht. „Sinn“ kann aber auch im Engagement für andere, in der Verbindung mit der Natur, in künstlerischem Schaffen und vielem mehr gesucht und gefunden werden. Wird diesem Lebensbereich zu wenig Beachtung geschenkt, ist persönliches und geistiges Wachstum nicht möglich, es stagniert. Orientierungslosigkeit, fehlender Halt bei krisenhaften Ereignissen oder tiefe Sinnkrisen können daraus resultieren. Um zu schauen, wie es um diesen Bereich im eigenen Leben bestellt ist, können die folgenden Fragen einen Anfang machen:

  • Wann habe ich zuletzt ein Kino/Theater/Opernhaus besucht?
  • Welche kulturellen Veranstaltungen nehme ich regelmäßig wahr?
  • Welche Rolle spielen Literatur/Musik/Kunst/Philosophie in meinem Leben?
  • Wie haben sich meine kulturellen Interessen und Aktivitäten in den letzten drei, fünf, zehn Jahren verändert?
  • Wann habe ich mich zuletzt mit der Frage nach dem „Sinn“ des Lebens befasst? Welche Antwort(en) habe ich gefunden?

Wer also nach einer gelungenen „Work-Life-Balance“ sucht, oder vielleicht besser: sein Leben aktiv im Einklang mit den persönlichen Werten gestalten möchte, sollte die beschriebenen vier Lebensbereiche einmal ehrlich abklopfen. Die anhaltende einseitige Überbetonung eines Bereichs geht zwangsläufig zu Lasten eines oder mehrerer der anderen. Eine perfekte Balance zwischen allen Bereichen kann es vermutlich nicht geben – und das Streben danach wäre auch nur wieder ein schädlicher Stressfaktor. Es geht auch gar nicht darum, alle Bereiche möglichst „gleich“ zu behandeln, womöglich noch im Sinne einer zeitlichen Gleichverteilung: sechs Stunden Yoga, sechs Stunden Arbeit, sechs Stunden Oper, sechs Stunden geselliges Beisammensein – so einen Tag möchte ich nicht haben 😉 Im Ernst: Das Entscheidende ist, dass man sich der Bedeutung aller vier Bereiche bewusst ist und seinen Alltag bewusst danach gestaltet. Wer pro Tag acht bis zehn Stunden mit Arbeit und Leistung verbringt, dem können schon ein bis zwei Stunden Zeit am Tag für die anderen Bereiche helfen, sich wohler, zufriedener und glücklicher zu fühlen.

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