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Disruptive Technologien, Teil 1: Welche Branchen sind am stärksten betroffen?




 

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Zuerst trifft es die, bei denen die Digitalisierung bereits vorangeschritten ist: Technologie-Unternehmen sind die Vorreiter der digitalen Transformation und zugleich ihre ersten Opfer. „Disruptive Technologien“ sind Innovationen, die bestehende Geschäftsmodelle zerstören, indem sie erfolgreiche Technologien, Produkte oder Dienstleistungen durch meist einfachere und kostengünstigere Angebote ersetzen. Ein prominentes Beispiel dafür ist WhatsApp, eine Anwendung, die in kurzer Zeit das SMS-Geschäft der großen Telekommunikationsunternehmen quasi zum Erliegen brachte. Nicht immer, aber sehr oft handelt es sich bei Disruptionen um „David-gegen-Goliath-Szenarien“, d.h. kleine Start-ups mit geringen Budgets fordern etablierte Konzerne und alt eingesessene Marktführer heraus. Das geschieht in der Regel schrittweise. Während sich die großen Unternehmen auf die Optimierung ihrer Produkte und Services in den lukrativsten Kundensegmenten konzentrieren, gehen die disruptiven Unternehmen an die vernachlässigten Segmente heran. Zunächst noch klein, arbeiten sich die Start-ups Stück für Stück nach oben, bieten das, was die meisten Kunden wollen und erreichen schließlich eine Verbreitung, mit der die angestammte Konkurrenz verdrängt wird. Oft ist es das bessere (datengetriebene) Kundenverständnis, das die disruptiven Angreifer so erfolgreich macht.

Die etablierten Unternehmen tun sich schwer mit den innovativen Wettbewerbern. Unternehmen, die bereits starken Druck spüren, sind am ehesten bereit, disruptive Technologien wie die Digitalisierung als strategisches Thema für die (Weiter-)Entwicklung des eigenen Geschäftsmodells aufzugreifen. Laut einer aktuellen Umfrage (s.u.) betrifft dies aber nur ein Viertel der Unternehmen. Knapp ein Drittel nimmt eine abwartende Haltung ein und 43% (!) nehmen die Gefahr disruptiver Angreifer nicht ausreichend zur Kenntnis. Solange der Marktdruck gering ist, wird Digitalisierung als Werkzeug betrachtet, mit dem einzelne Unternehmensbereiche wie z.B. die Kundenkommunikation oder die Produktion optimiert werden können – das Geschäftsmodell selbst bleibt jedoch unverändert. Dies hat zur Folge, dass solche Unternehmen kaum adäquat auf disruptive Angreifer reagieren können. Entweder sind sie zu schwerfällig oder sie verfallen in hektische Betriebsamkeit, die dann auch nicht mehr hilft. Unternehmen, die die Digitalisierung nur operativ und nicht strategisch begreifen, werden künftig kaum noch Chancen haben gegen jene, die sich in Allem – auch in ihrer eigenen Organisation, ihrer Führungskultur, ihren Prozessen – konsequent darauf ausrichten. Die wichtigsten disruptiven Technologien sind derzeit Cloud-Computing, IoT (Internet of Things) sowie D&A (Data & Analytics).

Nicht alle Branchen sind gleichermaßen von den Chancen und Risiken der disruptiven Technolgien betroffen. Welche Wirtschaftszweige es am stärksten trifft und in welcher Reihenfolge die verschiedenen Branchen von dem digitalen Wandel erfasst werden, zeigt die folgende Grafik. Sie ist das Ergebnis einer Umfrage unter mehr als 900 Top-ManagerInnen weltweit und wurde Mitte 2015 vom „Global Center for Digital Business Transformation“, einer Initiative der Schweizer Business School IMD und des bekannten IT-Anbieters Cisco, veröffentlicht:

Quelle Grafik: Global Center for Digital Business Transformation: J. Bradley, J. Loucks, J. Macauly, A. Noronha, M. Wade (2015): Digital Vortex. How Digital Disruption Is Redefining Industries, p. 6

Auf dem ersten Rang stehen demnach die Technologie-Unternehmen, die als Vorreiter der Entwicklung bereits Erfahrungen mit Disruptionen haben. Hier werden bis 2020 die meisten digtialen Umwälzungsprozesse erwartet. Es folgen die Bereiche Medien, Handel und Finanzen. Erst an siebter Stelle kommt die Reisebranche, was angesichts der vielen Plattformen, die das klassische Reisebüro vom Markt verdrängen, ein wenig verwundert. Hier schreitet die Disruption sichtbar voran. Der Finanzsektor (Platz 4) ist zwar ebenfalls geprägt von immer neuen Fin-Techs, die versuchen die Digitalisierung voranzutreiben. Doch das Finanzwesen scheint, zumindest aus deutscher Sicht und außerhalb des Online-Bankings, deutlich schwerfälliger zu sein.

Im weiteren Verlauf des „digitalen Wirbels“ befinden sich auf den Plätzen fünf bis acht die Telekommunikationsbranche, der Bildungsbereich, die schon erwähnte Reisebranche sowie Konsumgüterbranche/Industrie. Am Rand des Wirbels erscheinen schließlich diejenigen Wirtschaftszweige, die erst in Teilen von der Digitalisierung erfasst sind: das Gesundheitswesen, die Versorgungsindustrie, die Energiebranche und als Schlusslicht der Pharmabereich. Bis 2020 werden hier die geringsten disruptiven Erschütterungen erwartet – doch was kommt danach? Sicher fühlen kann sich keine Branche. Auch wenn z.B. gesetzliche Hürden im Gesundheits- und im Pharmabereich besonders hoch sein mögen, wird dies die Digitalisierung nicht aufhalten. In Kürze soll etwa die Telemedizin zur Regelleistung der gesetzlichen Krankenkassen werden und Unternehmen wie Google versuchen seit geraumer Zeit, mit innovativen Medizinprodukten Marktanteile zu gewinnen. Noch können sich in diesen Branchen viele Unternehmen nicht vorstellen, dass ein kleines Start-up ihr Geschäftsmodell ins Wanken oder gar zum Einsturz bringen könnte – während Handel, Medien und Telko-Unternehmen für die kommenden Jahre stark mit Angriffen innovativer Start-ups rechnen. Doch sobald die ersten Disruptionen in der Peripherie des „digitalen Wirbels“ stattgefunden haben, wird sich das Blatt mit Sicherheit wenden.

Im zweiten Teil des Beitrag zu disruptiven Technologien wird es darum gehen, wie Unternehmen auf den digitalen Wandel reagieren, in welche disruptiven Technologien hauptsächlich investiert wird und welche Vorteile sich Unternehmen von deren Entwicklung versprechen.

Bis dahin können Sie z.B. hier weiterlesen:

Quelle Foto: @Elnur – Fotolia.com

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