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Feelgood statt Führung – wie unsexy sind Führungspositionen?




 

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Großartige Menschen treffen, viel Geld verdienen und sich persönlich weiterentwickeln – das sind die Top-Karriereziele der heute 20-35-Jährigen. An Führungspositionen zeigen junge Berufstätige hingegen wenig Interesse: ganze 87% sehen keinerlei Reiz darin, andere Menschen zu führen, an die Spitze einer Firma zu gelangen oder gar ein eigenes Unternehmen aufzubauen. Unternehmer/in zu werden, streben gerade einmal 6% an – trotz des Hypes um disruptive Technologien und eine erfolgreiche Start-up-Szene. Lieber möchten die jungen KollegInnen sich zu angesehenen ExpertInnen entwickeln und vor allen Dingen „mit tollen Menschen zusammenarbeiten“. Dies sagt ein Drittel von 19.000 befragten „Millenials“, und damit ist dies das beliebteste Karriereziel dieser Altersgruppe. Immerhin 27% setzen ihre Priorität bei „viel Geld verdienen“, was damit auf dem zweiten Platz rangiert.

Befragt wurden berufstätige Personen der Jahrgänge 1982-1996 sowie mehr als 1.500 Personalfachleute in 25 Ländern im Auftrag der Manpower Group. Die o.g. Zahlen beziehen sich ausschließlich auf Deutschland. Noch weniger Lust auf Führungspositionen gibt es nur noch in Japan und Norwegen. In Mexiko dagegen zeigen 41% der jüngeren Generation den Willen zu führen. Publiziert wurden die Ergebnisse Ende 2016 in verschiedenen Fachmedien. Als ich die Befunde vor einigen Wochen las, kamen mir spontan zwei Gedanken: Zum einen war ich überrascht über das Ausmaß der ablehnenden Haltung gegenüber Führungsrollen. In all den vielen Vorstellungsgesprächen, die ich im Laufe der Jahre auch mit BewerberInnen dieser Altersgruppe geführt habe, hatte ich einen anderen Eindruck gewonnen. Dass bei einer Bewerbung niemand sagt: „Am wichtigsten in meiner beruflichen Laufbahn sind mir tolle Kollegen und viel Geld“, ist ja irgendwie verständlich. Aber ich fand durchaus unter den Jüngeren einige mit Führungswillen, Leistungsorientierung und der Bereitschaft Verantwortung zu übernehmen. Dass Führungswille und Führungsvermögen nicht immer Hand in Hand gehen müssen, mag dabei auf einem anderen Blatt stehen.

Der zweite Gedanke, der mir kam und der den Anlass zu diesem Beitrag gegeben hat, ist die Frage nach den Ursachen für die ablehnende Haltung gegenüber Führungsrollen. Ist dieses Phänomen Ausdruck der Unselbständigkeit, Verwöhntheit, Ich-Bezogenheit, die den „Millenials“ so gern nachgesagt wird? Ich muss zugeben, ich bin absolut kein Fan dieser ganzen Generationen-Debatten und halte „Gen Y“, „Millenials“ usw. eher für Marketing- und Legitimationshülsen unterbeschäftigter „Personalexperten“.  (Man schaue sich nur die um das Thema herum entstandenen Geschäftsmodelle an…). Es ist gut möglich, dass ein Teil der Gründe in einem geänderten Verhältnis der Jüngeren zur Erwerbsarbeit liegt, zumindest bei den „Wissensarbeitern“. Aber erklärt das alles? Eine abschließende Antwort auf die Frage, was Führungspositionen gerade für die jüngeren KollegInnen so unsexy macht, kann ich Ihnen leider nicht präsentieren. Einige Vermutungen dazu mag ich aber anstellen:

  1. Führungsarbeit ist unbequem: Als Chef/in hat man manchmal einen ganz schönen Sch…job. Druck gibt es von allen Seiten, Anerkennung ist rar und ehrliche Rückmeldungen sind noch seltener. Je höher man steigt, desto einsamer wird es. Ständig sind Entscheidungen gefordert, gibt es die unterschiedlichsten Konflikte zu lösen, stehen schwierige Gespräche mit Kunden oder Mitarbeitern an. In Führungsrollen ist man häufig auch Projektionsfläche für die Sorgen und Ängste, den Frust und die Aggressionen der MitarbeiterInnen. Man trägt eine hohe Verantwortung für die Menschen im Unternehmen, für den wirtschaftlichen Erfolg, für die Qualität der Produkte und Dienstleistungen, hat aber, vor allem in mittleren Managementpositionen, nicht immer den nötigen Einfluss und Gestaltungsspielraum. Meine Erfahrung ist, dass daher viele MitarbeiterInnen – egal welchen Alters – in ihrem Unternehmen zwar gern mitreden und mitbestimmen, letztlich aber doch ganz froh sind, dass sie die ganz heißen Kastanien nicht selbst aus dem Feuer holen müssen.
  1. „Führung“ unterliegt einem Imagewandel: Die Zeiten, in denen Vorgesetzten Respekt gezollt wurde, allein weil sie Vorgesetzte sind, sind längst vergangen. Im Zuge einer Modernisierung der Arbeitswelt hat sich das Image von Führungskräften stark gewandelt. Heute werden Führungskräfte in den gängigen Medien wahlweise bevorzugt als unfähig, psychopathisch oder auch überflüssig dargestellt. Ständig erscheinen neue Umfragen (gern von Anbietern aus dem Bereich „Seminare für Führungskräfte“), die belegen sollen, wie schlimm es um die Führungskultur in deutschen Unternehmen bestellt ist und wie unzufrieden die MitarbeiterInnen mit ihren Vorgesetzten sind. Nicht zufällig machte vor einigen Jahren das Schlagwort vom „Führungskräfte-Bashing“ die Runde. Aktuell sorgen insbesondere die Debatten um Selbstorganisation und das (angebliche) Verschwinden von Hierarchien dafür, dass mancher sich fragt, ob „Führung“ überhaupt noch zeitgemäß ist. Das macht Führungspositionen gerade für Jüngere sicher nicht attraktiver.
  1. Zeitgemäße Führungsvorbilder fehlen: Die Anforderungen an Führungskräfte steigen stetig. Der Umbau der Arbeitswelt ist in den meisten Branchen in vollem Gange. Die Unternehmen stehen zunehmend unter Innovationsdruck, technologische Disruptionen bringen schlagartig neue Wettbewerber hervor oder zerstören etablierte Geschäftsmodelle. Unternehmen müssen ihre Strukturen und Prozesse, ihre Organisation und Kultur an die neuen Erfordernisse anpassen. Damit ändern sich auch die Führungsstrukturen und die Aufgaben, die mit Führungsrollen verknüpft sind. „Alte“ Führungsmodelle passen nicht mehr, „neue“ sind noch in der Findungsphase. Derzeit wird viel darüber diskutiert, wie sich Führung z.B. im Zuge der Digitalisierung ändern wird. Die Auswirkungen sind auch bereits spürbar. Was aber sicher fehlt, sind Vorbilder einer neuen Führungskultur, an denen sich die jüngere Generation orientieren kann (mal abgesehen vielleicht von hippen Start-up Gründern – da dürfte die Adaption auf die eigene Arbeitswirklichkeit aber oft schwerfallen).
  1. Gehalt und Position werden zunehmend entkoppelt: Mit Führungspositionen sind heute weniger Privilegien verbunden als in früheren Zeiten. So bedeuten Führungspositionen z.B. längst nicht mehr zwangsläufig ein höheres Gehalt. Das Ziel „viel Geld verdienen“ kann von den jüngeren KollegInnen auch auf andere Weise erreicht werden. Das gilt natürlich nicht für alle Bereiche. Aber schaut man sich z.B. den IT-Bereich an, so können ein richtig guter Software-Architekt oder eine Entwicklerin ein Entgelt verlangen, das mitunter locker über dem von Projekt- oder Teamleitern liegt. Auch für Freelancer ohne Führungsverantwortung sind die Verdienstmöglichkeiten oft höher als für Berufstätige in festangestellten Führungspositionen. Das würde auch erklären, warum jüngere Erwerbstätige so stark auf ihre persönliche Weiterentwicklung fokussieren: Ein Investment in persönliche Skills und fachliche Weiterbildungen erscheint renditestärker als der Eintritt in eine Linienlaufbahn, von deren Zukunftsfähigkeit man angesichts der aktuellen Wandlungsprozesse wenig überzeugt ist.

Was denken Sie über das Thema? Welche möglichen Ursachen für das geringe Interesse an Führungsrollen sehen Sie? Wie sind Ihre Erfahrungen? Kommentare sind herzlich willkommen!

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Quelle Foto: @agongallud – Fotolia.com

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