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Hofnarr gesucht! Wie professionelle Irritation Unternehmen hilft




 

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August der Starke hatte einen, Wilhelm der Eroberer auch. Und Kaiser Maximilian I hatte sogar einen ganz berühmten. Hofnarren waren im europäischen Mittelalter weit verbreitet. Vor allem im Spätmittelalter und in der Frühen Neuzeit waren Hofnarren feste Institutionen, die den HerrscherInnen jener Zeit nicht nur Langeweile und Melancholie vertrieben, sondern auch als weise Ratgeber fungierten.

Höfische Gaukler, Spielleute und Spaßmacher haben eine lange Tradition, die sich nicht auf Europa und die Zeit des Mittelalters beschränkt. Schon in der griechisch-römischen Antike gibt es Nachweise für diese besondere soziale Stellung, ebenso für die Kulturen Ägyptens, Chinas und des Vorderen Orients. Die Herausbildung des Hofnarrentums in Europa verdankt sich wohl verschiedener Faktoren, z.B. orientalischer Einflüsse im Gefolge der Kreuzzüge.

„Natürliche“ und „künstliche“ Narren

Zunächst waren es physisch oder psychisch auffällige Männer, seltener Frauen, die von Fürsten und Königen zur Belustigung engagiert wurden: Verkrüppelte, Kleinwüchsige, besonders Hässliche, Geisteskranke, Zurückgebliebene, Wahnsinnige. Man erfreute sich bei Hofe an ihren Absonderlichkeiten, an ihrer Raserei, ihrem kindlich wirkenden Verhalten, ihrer „Unvernunft“ und Naivität. Zu diesen als „natürlich“ bezeichneten Narren kamen schon bald „künstliche“ Narren hinzu. Fahrendes Volk, Schauspieler, Gaukler, Possenreißer ahmten den „Wahnsinn“ der „natürlichen“ Narren nach und etablierten damit einen neuen Berufszweig. Schon bald dominierte der Typus des „künstlichen“ Narren an den Höfen, ab dem 14. Jahrhundert dürfte er die Mehrheit der angestellten und teils recht gut dotierten Narren ausgemacht haben. Der Hofnarr kam so sehr in Mode, dass auch Kleriker und selbst der niedere Adel Spaßmacher in Stellung nahmen. Nun traten auch Stadtnarren wie der berühmt-berüchtigte Till Eulenspiegel in Erscheinung.

Narrenfreiheit = Rede- und Beratungsfreiheit

 In ihren Anfängen dienten Hofnarren vor allem zur Belustigung und als personifizierte Mahnung an den Herrscher, dass alle Macht vergänglich sei. Auch später noch war das Verbreiten höfischer Freude eine der vorrangigen Aufgaben, doch in vielen Fällen wurden die Hofnarren auch zu wichtigen Vertrauten und Ratgebern ihrer Herrschaft. Unter den Hofnarren gab es akademisch hoch gebildete Menschen, die ihre Weisheit in kluge Rätsel und Scherze kleideten. Ihre besondere Stellung am Hof ermöglichte ihnen, Dinge zu äußern und zu tun, für die andere in den Kerker oder an den Galgen gewandert wären. „Lustigkeit“ und „Unernst“ stellten sicher, dass ihr Gebaren folgenlos blieb. So waren sie z.B. die einzigen, die ihre Herrschaften duzen durften, sie konnten Herrscher und Gefolge ungestraft parodieren und deren Äußerungen wie Entscheidungen hinterfragen. Vielfach wurde von ihnen sogar erwartet, dass sie dem Herrscher einen Spiegel vorhielten und sein Verhalten in Frage stellten. „Narrenfreiheit“ bedeutete die Freiheit zu reden – und zu schweigen. Die intelligente Hof-Narretei war ein witziges Oszillieren zwischen Sagen und Nicht-Sagen. Gegen Ende des Mittelalters und bis weit in die Neuzeit hinein sind viele Hofnarren gut bezahlte Belustigungsexperten, die – jenseits der geltenden Hierarchie – eine klar beratende Funktion übernehmen und einen erheblichen politischen Einfluss besitzen. Sie sind professionelle Irritatoren der Herrschenden. Erst im 18. Jahrhundert verlieren die Hofnarren allmählich an Bedeutung.

Modernes Narrentum: Business Theater und Organisationsberater

Auch wenn der Beruf des klassischen Hofnarren heute (zumindest hierzulande) ausgestorben ist, hat sich die professionelle Irritation als Dienstleistung erhalten – mehr noch: sie erlebt in letzter Zeit eine regelrechte Renaissance.

Business-Theater etwa haben sich zur Aufgabe gemacht, MitarbeiterInnen von Unternehmen im Bühnenspiel einen Spiegel vorzuhalten. In den überzogenen Darstellungen können sich die Zuschauer wiedererkennen und möglicherweise auch unangenehme Dinge über sich und ihr Verhalten lernen, ohne gemaßregelt oder bloßgestellt zu werden.

Es ist viel einfacher, wunde Punkte in humorvoller Weise anzunehmen, als sie sich in ernster Runde einzugestehen. Wenn KollegInnen miteinander übereinander (und sich selbst) lachen können, ist dies ein wichtiger Schritt für ein gegenseitiges Verständnis und eine bessere Kooperation. Gerade bei größeren Veränderungsvorhaben helfen die Künste professioneller Spielleute, emotionale Widerstände wie z.B. Ängste aufzulösen. Auch Konflikten zwischen verschiedenen Anspruchsgruppen kann man leichter mit Humor und Augenzwinkern beikommen als mit Anweisungen oder Sanktionen.

Wie die Business-Theater, so haben auch moderne Organisationsberater viel mit der Rolle des Hofnarren gemein.

Funktionen professioneller Irritatoren

Moderne „Hofnarren“ haben bei näherem Hinsehen ganz ähnliche Funktionen wie ihre mittelalterlichen Pendants:

Hofnarr im Mittelalter Organisationsberater / Business-Theater
Unterhaltung/ Freude gegen Langeweile und Melancholie am Hof „frischer Wind“ gegen verkrustete Strukturen, schlechte Stimmung und Motivationslöcher im Unternehmen
Abbau von Konflikten und Aggressionen durch Humor Gemeinsames Lachen als Ventil für Ängste und Aggressionen; Humor als Ressource im Umgang mit kritischen Themen und Konflikten
Hinterfragen von Verhalten und Entscheidungen / Spiegel vorhalten Unterstützung der Selbstreflexion, ungeschminktes Feedback, Advocatus Diaboli
Aussprechen „unmöglicher“ Dinge Kommunikation unbequemer Wahrheiten
Weiser Berater und Vertrauter jenseits der Hierarchie (simulierte Gleichstellung von Narr und Herrscher) Stabsmäßig aufgehängte, externalisierte, zeitlich befristete, unabhängige Beratung „auf Augenhöhe“
Repräsentation höfischer Pracht/ Macht (Prestige-Objekt) Repräsentation von Status (hoch dotierte, „berühmte“ Berater als Prestige-Objekt)

Zwar kann man als BeraterIn nicht ganz so über die Stränge schlagen wie der mittelalterliche Schalk, doch wird von Kundenseite durchaus eine adäquate Respektlosigkeit erwartet. Wie der Hofnarr, so steht auch der Organisationsberater außerhalb der etablierten Hierarchie und ist dazu da, Unbequemes und Kritisches zu kommunizieren. Wenn er oder sie dabei auch noch unterhaltsam ist – umso besser!

Gerade in höheren Managementpositionen ist es sehr einsam, wenn es um ehrliche Rückmeldung geht. Da unterscheiden sich moderne Chefetagen nur wenig von mittelalterlichen Höfen: Verrat, Intrigen, Speichelleckerei sind eben auch heute weit verbreitet. Die Kunst besteht natürlich darin, die richtige Dosis an Respektlosigkeit zu finden. Denn anders als beim klassischen Hofnarr, der wirklich alles äußern durfte, wird vom modernen Berater erwartet, dass seine Querdenkerei die Grenzen des Systems nicht sprengt. Lösungsansätze, die die Organisation in fundamentale Bedrängnis bringen könnten, werden ausgeblendet. Dafür sind moderne „Hofnarren“ aber auch der Willkür ihrer „Herrschaft“ nicht mehr ausgeliefert – sie können einen Auftrag kündigen.

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Quelle Foto: @Fothoss – Fotolia.com

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