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Digitale Zukunft – wie wollen wir leben?




 

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Der Philosoph Rafael Capurro sagte vor einigen Jahren, ohne ein auf die Informationsgesellschaft angepasstes Immunsystem hätte man keine Überlebenschancen – ganz zu schweigen von Chancen auf ein gutes Leben. Er münzte diese Aussage damals auf die pathologischen Konsequenzen des „message overload“, dem wir alle täglich ausgesetzt sind. Auch wenn eine systematische Zusammenschau der für das digitale Zeitalter typischen Krankheitsbilder (noch) ausstehen mag, gelten Zusammenhänge z.B. zwischen ständiger Erreichbarkeit, Onlinesucht und digitaler Reizüberflutung mit psychischen und körperlichen Syndromen als gesichert.

Der digitale Wandel schreitet indes voran und umgreift immer mehr Lebensbereiche. Aufhalten lässt sich diese Entwicklung nicht, und viele Innovationen stellen eine Bereicherung dar, die man sich auch gar nicht mehr wegdenken möchte. Doch jenseits von Aufbruchstimmung und Euphorie macht sich zunehmend ein Unbehagen in der digitalen Kultur breit. Das gilt nicht nur für so spektakuläre Entwicklungen wie z.B. Kampf- oder Sexroboter, die Entsetzen auslösen, sondern auch für ein Phänomen, an das wir uns bereits stark gewöhnt haben: die „totale Kommunikation“. Erst wenn das „Immunsystem“ unter dem „message overload“ zusammenbricht und entsprechende Symptome auftreten, dringt es wieder ins Bewusstsein.

Totale Kommunikation – no way out?

Totale Kommunikation bedeutet, dass wir alle permanent umgeben sind von Boten und Botschaften, von Kommunikationen, die nie abbrechen und in denen alles allen kommuniziert wird. Wer hier raus will, muss sich buchstäblich vom Netz nehmen. Ein absurder Gedanke für viele, nicht nur für Teenager. Doch warum machen wir das eigentlich mit?

Soziale Netzwerke und Online-Plattformen bedienen das menschliche Bedürfnis nach Aufmerksamkeit und Anerkennung. Und sie tun dies auf eine Weise, die das „real Life“ nicht hergibt. Die Möglichkeiten der Selbstdarstellung im Netz sind nahezu unbegrenzt. Um sich ihrer freudig zu bedienen muss man kein Narzisst oder Exhibitionist sein (auch wenn beides natürlich vorkommt). Der aufgemotzte Lebenslauf bei Xing, die vorteilhaften Ganzkörperfotos bei Tinder oder die 836 Likes beim letzten Facebook-Eintrag sind ganz normaler Alltag. Klar, wer morgens in der U-Bahn sitzt, sieht selten so aus wie sein jüngeres Ich auf dem Profilfoto, und es kann auch keiner ahnen, welche tollen Qualifikationen, Auszeichnungen, Follower oder Ansichten man so hat. Und wie wäre es wohl, man würde im Minutentakt die anderen Fahrgäste mit taoistischen Weisheiten, Urlaubsfotos oder Hasskommentaren behelligen? (Wäre das nicht ein schönes soziales Experiment, als lebendes Profil oder Twitteraccount herum zu laufen?!)

(Noch eine Fußnote: Vor einiger Zeit las ich in einem Zeitungsartikel, dass der historische Ursprung von sozialen Profilen im kriminalistischen Kontext liegt, sie mithin eine nähere Beschreibung von Straftätern waren.)

Die Kommunikation in sozialen Medien gibt Menschen das Gefühl, wichtig zu sein – und die Gelegenheit, sich wichtig zu machen. Was dazu führt, dass immer mehr Leute sich einfach zu wichtig nehmen. Zugleich gibt es die Empfänger, die alles, was sie als Botschaft erreicht, für irgendwie bedeutsam für sich ansehen. Eine psychotische Vorstellung, wie Capurro anmerkt, und dem kann ich nur zustimmen. Und dennoch, wer kennt das nicht: Die Angst, etwas zu verpassen, den Drang, seine Meinung kundzutun, die Freude über Aufmerksamkeit und das Eingebundensein in eine „Community“?

Das Internet ist kein Werkzeug, sondern ein Medium

Sich aus der totalen Kommunikation zurückziehen oder anderen Zumutungen des Digitalen zu trotzen, ist schwierig, vielleicht sogar unmöglich. Das liegt daran, dass das Netz eben kein Werkzeug ist, dessen man sich zu bestimmten Zwecken bedient. Das Internet ist ein Medium, in dem wir uns als Menschen bewegen, ohne es als Ganzes überblicken oder es womöglich beherrschen zu können. Die digitale Technik durchdringt uns in unserer ganzen physischen und psychischen Verfasstheit.

Aus diesem Grund ist die Digitalisierung auch kein vorrangig technisches Thema. Das gerät viel zu oft aus dem Blick. Der digitale Wandel ist vor allem und in erster Linie (!) ein gesellschaftliches Thema. Hier dürfen die öffentlichen Diskurse und Debatten dem technologischen Machbarkeitsstreben nicht hinterherhinken. Mittlerweile gibt es einige Initiativen, die sich intensiv mit den sozialen, politischen und ethischen Aspekten der Digitalisierung befassen. Es gibt Institutionen und Unternehmen, die sich einer Ethik-Charta anschließen, die einen moralisch und rechtlich „sauberen“ Umgang mit den digitalen Möglichkeiten regeln soll. Und der „message overload“ ist nur ein kleines Mosaiksteinchen angesichts der Möglichkeiten, die Virtuelle Realitäten, Künstliche Intelligenz, Big Data oder Robotik schaffen.

Wir brauchen einen neuen Humanismus

Die tiefgreifenden Veränderungen, die der digitale Wandel mit sich bringt, werfen ganz grundsätzliche Frage auf, z.B.

  • Was ist der Mensch (im digitalen Zeitalter)?
  • Entsteht eine neue Spezies, der homo digitalis?
  • Wenn ja, welche Selektionsprozesse führen zu einer solchen neuen Spezies?
  • Oder: Wer ist überlebensfähig, wer nicht?
  • Was bedeutet Freiheit (im digitalen Zeitalter)?
  • Was bedeutet Tod (im digitalen Zeitalter)?
  • Was Vernunft?
  • Welche Auswirkungen hat die Cyborgisierung der Gesellschaft?
  • Wie verändern sich soziale Gefüge innerhalb und zwischen Gesellschaften?
  • usw.

Die Schlüsselaufgabe einer digitalen Ethik, so Capurro in seinem gleichnamigen Aufsatz (s.u.), sei, dass wir uns als Menschen der Herausforderungen und Optionen in der Gestaltung des individuellen und sozialen Lebens bewusst(er) werden. Das digitale Medium bietet hierzu eine nie dagewesene Chance.

Stellen wir dem technologischen Machbarkeitsstreben also die entscheidende Frage gegenüber: Wie wollen wir leben?

Literaturhinweise:

  • Capurro: Leben in der Message Society, in: J. Hruschka/ J.C. Joerden (HG.): Jahrbuch für Recht und Ethik, Bd. 23, Berlin 2015, S. 3-15
  • Capurro: Digitale Ethik, in: Ethik der Informationswissenschaften (CD Dokumentation), Joanneum Research 2011
  • Capurro: Homo digitalis. Beiträge zur Ontologie, Anthropologie und Ethik der digitalen Technik, Wiesbaden 2017

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