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Mehr Neider als Optimisten – mit Spieltheorie zu einer Klassifikation von Persönlichkeitstypen




 

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Ich hab’s ja schon immer gewusst: Alle bloß neidisch! Und tatsächlich – die Wahrscheinlichkeit einen Neider als Kollegen, Nachbarn oder Mitarbeiter zu haben, ist größer als z.B. die, auf einen Optimisten zu treffen. Glaubt man einer neuen Persönlichkeitsstudie aus Spanien, lassen sich nämlich 30% der Bevölkerung als „Neider“ klassifizieren, während sich jeweils 20% den Typen „Optimist“, „Pessimist“ und „Vertrauender“ zuordnen lassen. Die übrigen 10% passen in keine Kategorie und bleiben unbestimmt. Herausgefunden hat dies ein Team von WissenschaftlerInnen der Universitäten Carlos III de Madrid, Barcelona, Rovira i Virgili und Zaragoza – allesamt befasst mit der Erforschung komplexer Systeme.

Genutzt wurde dazu ein Ansatz der Spieltheorie, die ihre Wurzeln in der Mathematik hat, aber auch in sozial- und wirtschaftswissenschaftlichen Bereichen einige Prominenz erlangte. Am bekanntesten ist vielleicht die Verleihung des Nobelpreises für Ökonomie im Jahr 1994 an drei Pioniere der jungen Disziplin: John Nash, John Harsanyi und Reinhard Selten. Die Spieltheorie ist, grob gesagt, die Wissenschaft vom strategischen Denken. Im Spiel versucht jeder, schlauer zu sein als die anderen und diese auszutricksen. Was passiert, wenn alle sich so verhalten und wie sich die Beteiligten dabei in ihrem Entscheidungsverhalten wechselseitig beeinflussen, ist Gegenstand zahlreicher Studien. Die in der frühen Spieltheorie verbreitete Annahme, dass Menschen in Konfliktsituationen rein rational entscheiden, gilt inzwischen zwar als überholt. Dennoch lassen sich, wie nun gezeigt werden konnte, grundlegende strategische Entscheidungs- und Persönlichkeitsmuster erkennen.

Im Rahmen der spanischen Studie wurde das Verhalten von 541 Versuchspersonen in zahlreichen sozialen Dilemma-Situationen beobachtet. Die Probanden mussten sich in verschiedenen Spielszenarien entscheiden, ob sie egoistischen oder kollektiven Interessen folgen und ob sie mit anderen kooperieren oder in Konflikt treten wollten. Die jeweilige Entscheidung konnte dabei nicht mit den anderen Mitspielern abgesprochen werden. Auch waren die Konsequenzen der Entscheidungen in den verschiedenen Spielvarianten immer unterschiedlich: Mal erreichten beide Spieler, die sich für die Option „Kooperation“ entschieden, die höchste Punktzahl, in einer anderen Variante gewann dagegen nur der Spieler, der sich für eine egoistische Strategie entschied. Jede Versuchsperson spielte alle Varianten mehrfach hintereinander mit ständig wechselnden Spielpartnern. Zu gewinnen gab es übrigens tatsächlich etwas (Lotterielose), um einen Anreiz für „echtes“ gewinnorientiertes Veralten zu geben.

Insgesamt 8.366 strategische Entscheidungen wurden anschließend statistisch ausgewertet. Dabei zeigte sich, dass die meisten Personen trotz sich verändernder Umstände bei der einmal gewählten Strategie blieben – und dass es insgesamt nur die vier o.g. Basistypen gibt.

  • (1) Neider: Personen, die dieser Kategorie zuzuordnen sind, ist es letztlich egal, wie hoch ihr eigener Gewinn ist – so lange die anderen nicht mehr bekommen. Ihre Strategie richtet sich darauf, den Erfolg der anderen zu verhindern. Dafür nehmen sie billigend in Kauf, dass sich damit auch ihre eigenen Profitchancen vermindern. Ziel ist es, am Ende mehr zu haben als alle anderen – auch wenn es nicht viel ist. In der Studie gibt es das Beispiel der „Reh- und Hasenjagd“. Jeweils zwei Spieler sollen sich zwischen einer Jagd auf Hasen oder Rehe entscheiden, wobei Rehe nur in Kooperation zu zweit gejagt werden können.  Die Neider gehen lieber allein auf Hasenjagd – so stellen sie sicher, dass sie mehr oder wenigstens gleich viel Jagderfolg haben.
  • (2) Optimisten: Anders gestrickt sind die Optimisten. Sie setzen für sich und ihren Spielpartner immer auf die Option mit den höchsten Gewinnchancen und vertrauen darauf, für beide das Beste herauszuholen. Optimisten gehen im o.g. Beispiel auf Rehjagd, weil dies die beste Option für beide Spieler ist.
  • (3) Pessimisten: Dieser Persönlichkeitstypus meidet Risiken und wählt seine Entscheidung nach dem Motto „das kleinere Übel“ oder „lieber den Spatz in der Hand, als die Taube auf dem Dach.“ Entsprechend tendieren Pessimisten zu den Optionen mit dem wahrscheinlichsten Ertrag. Pessimisten entscheiden sich für die Hasenjagd, weil sie denken, so überhaupt etwas zu fangen.
  • (4) Vertrauende: Die von den WissenschaftlerInnen als „vertrauend“ benannten Personen zeichnen sich dadurch aus, dass sie stets kooperieren. Ihnen ist es letztlich sogar gleichgültig, ob sie gewinnen oder verlieren – sie setzen in jedem Fall auf die Zusammenarbeit mit anderen. Als geborene Teamplayer stimmen Vertrauende sofort der gemeinsamen Rehjagd zu, ohne weiter darüber nachzudenken.

Diese Klassifikation – und das ist ebenfalls spannend an der Studie – ist das Ergebnis eines mathematischen Algorithmus, der zuvor schon in anderen Forschungsfeldern wie etwa der Biologie erfolgreich eingesetzt wurde. Seine Anwendung im Bereich der Verhaltensforschung wird von den Studienverantwortlichen als „revolutionär“ bezeichnet. Denn anders als bei solchen Forschungsdesigns üblich, wurden zuvor keine Hypothesen über Verhaltenstypen gebildet, an denen die Experimente ausgerichtet wurden. Stattdessen sammelte man die Daten aus den Versuchen und ließ anschließend den Algorithmus die logischsten Gruppierungen herausfinden. Dass dabei ziemlich genau vier Gruppen bzw. Typen identifiziert wurden, ist erstaunlich und hat auch die WissenschaftlerInnen selbst überrascht.

So interessant das Ergebnis ist, so skeptisch darf man allerdings sein, was seine Übertragung auf das Entscheidungsverhalten im Alltag betrifft. Das Leben ist eben kein „großes Spiel“ mit festem Regelwerk. Soziale Konflikt- und Entscheidungssituationen sind deutlich komplexer als die modellierten Spielszenarien und die Konsequenzen weniger absehbar und viel weitreichender. Dennoch finden sich hier auf alle Fälle lohnende Ansatzpunkte für weitere Forschungsarbeiten, z.B. hinsichtlich solcher Themen wie Führungsverhalten oder Verhandlungsstrategien.

Wer sich näher mit der Studie befassen möchte, kann dies mit folgendem Fachartikel tun: Julia Poncela-Casasnovas, Mario Gutiérrez-Roig, Carlos Gracia-Lázaro, Julian Vicens, Jesús Gómez-Gardenes, Joseph Perelló, Yamir Moreno, Jordi Duch, Ángel Sánchez: Humans display a reduced set of consistent behavioral phenotypes in dyadic games, in: Science Advances, 05 Aug 2016, Vol. 2, no. 8.

Zum Weiterlesen:

Quelle Foto: @ BERLINSTOCK – Fotolia.com

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