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Bitte mal laut denken – Think Aloud!




 

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Gewöhnlich heißt es ja immer, man solle erst denken und dann sprechen. Diese Empfehlung hat definitiv etwas für sich. Manchmal ist es aber auch besser, beim Denken zu sprechen. Dabei geht es allerdings nicht darum, sich selbst im stillen Kämmerlein lautstark den Kopf zu zerbrechen (obwohl auch das gelegentlich hilfreich sein kann). Es geht vielmehr darum, Andere beim lauten Denken zu beobachten – und zwar mit Methode. Wenn Sie z.B. wissen wollen, wie Ihr Produkt bei potenziellen Nutzern ankommt oder wenn Sie eine Möglichkeit suchen, das Wissen Ihrer „Leaving Experts“ im Unternehmen zu halten, dann sollten Sie Think Aloud ins Auge fassen. Wie das geht? Ganz einfach!

Think Aloud ist eine Methode, die ursprünglich dem Werkzeugkoffer der empirischen Sozialforschung entstammt. Eingesetzt wird das Verfahren hier zum Beispiel als Pretest bei Befragungen. Um herauszufinden, was an einem Fragebogen noch verbessert werden kann, lässt man ausgewählte Probanden laut denken, während sie den Fragebogen ausfüllen (Concurrent Think Aloud). Dabei werden ihre Aussagen und Reaktionen entweder von Beobachtern protokolliert oder per Ton und Video aufgezeichnet. Auf diese Weise gewinnt man wichtige Erkenntnisse über die Verständlichkeit der Fragen, mögliche Fehlerquellen, Akzeptanzprobleme u.v.m.

Als Testmethode hat sich Think Aloud auch im Bereich der Usability von Produkten bewährt. Hier gehört das laute Denken seit vielen Jahren zu einer der populärsten Techniken, um die Nutzerfreundlichkeit von Produkten zu erhöhen. Die Durchführung ist ähnlich wie beim Pretest. Zuerst wird eine sinnvolle Auswahl an Versuchspersonen getroffen. „Sinnvoll“ bedeutet, dass die Versuchspersonen der Zielgruppe des Produkts entsprechen sollen (Endkunde), innerhalb dieser Zielgruppe aber auch eine gewisse Heterogenität abgebildet wird und die Anzahl der Probanden nicht zu groß und nicht zu klein ist. Anschließend wird ein Testszenario erstellt. Dieses enthält die Aufgaben, die von den Probanden im Rahmen eines typischen Anwendungsfalls ausgeführt werden sollen. Auch hier werden die Probanden aufgefordert, ihren Umgang mit den Aufgaben und dem Produkt zu kommentieren. Dabei sollen nicht nur Gedanken („Wie komme ich denn bloß zu den Überweisungsvorlagen?“), sondern auch Gefühle („Boah, die lange Ladezeit nervt jetzt total, da werd’ ich aggressiv.“) und Meinungen („Die Hintergrundfarbe passt super.“) geäußert werden.

Wichtig ist, dass sich die Testeinweiser stark im Hintergrund halten. Während der Test läuft, sollten bei Bedarf höchstens Informationen zum Test selbst, nicht aber zum Produkt gegeben werden. Zusätzlich zu den Aufzeichnungen, die vom „lauten Denken“ der Probanden gemacht werden, kann abschließend noch ein sog. Retrospective Think Aloud durchgeführt werden. Hierbei geben die Testpersonen ihre Eindrücke und Erfahrungen nach Abschluss der Testphase wieder. Die so gewonnenen Aussagen sind i.d.R. weniger unmittelbar, stärker reflektiert und stärker bewertend als die spontanen Äußerungen während der Testphase.

Der große Vorteil des lauten Denkens in der Produktentwicklung liegt auf der Hand: Die Methode ist einfach, kostengünstig und kann zu jedem Zeitpunkt der Produktentwicklung eingesetzt werden. Wie bei allen Testverfahren gibt es natürlich auch einige problematische Aspekte. So kann das Verhalten der Testpersonen stark von antizipierten Erwartungen, z.B. im Sinne einer sozialen Erwünschtheit beeinflusst sein. Dadurch werden Ergebnisse möglicherweise verfälscht. Da es sich um subjektive Einschätzungen in geringer Zahl handelt, erhält man nur qualitative Daten. Um Aufschluss über quantitative Verhältnisse zu erlangen, müssen andere Methoden eingesetzt werden. Nicht zuletzt muss, wie bei jedem Test, hinterfragt werden, ob die Ergebnisse valide sind, sie also tatsächlich jene Belange repräsentieren, die getestet werden sollten.

Neu ist die Idee, Think Aloud im Bereich der Wissenssicherung in Unternehmen einzusetzen. Wissensmanagement ist eine der großen Herausforderungen für Unternehmen. Künftig wird es sogar eine noch größere Rolle spielen, denn angesichts hoher Fluktuationsraten und fehlender Fachkräfte wird es immer schwieriger, das wichtigste Kapital – das Wissen – im Unternehmen zu halten. Eine Lösung könnten Think Aloud Protokolle sein, die in einer Wissensdatenbank zugänglich gemacht werden. Im Rahmen eines allgemeinen Wissensmanagements würden dabei zunächst die Inhalte und Abläufe identifiziert, die das Unternehmen als Expertenwissen für sicherungswürdig hält. Anschließend würden die Experten bei der Ausführung der entsprechenden Tätigkeiten und ihrem lauten Denken dazu beobachtet. Auf diese Weise wird das unausgesprochene implizite Wissen explizit. Hier ist der Einsatz unterschiedlicher Hard- und Softwaresysteme denkbar (Datenbrille, Spracherkennung etc.). An der Fachhochschule Kiel befasst sich eine Forschungsgruppe unter der Leitung von Prof. Dr. Doris Weßels mit dem Thema. In den aus dem Projekt hervorgegangenen Abschlussarbeiten finden sich einige interessante Ergebnisse aus den bisher durchgeführten Praxistests. Auf die weitere Entwicklung darf man gespannt sein.

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Quelle Foto: @fiore26 – Fotolia.com

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