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Schöner Scheitern – für einen anderen Umgang mit Misserfolgen




 

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Erfolg ist alles. Im Geschäftsleben gibt es zumindest wenig Selbstdarstellungen ohne die passende Sozialkosmetik: „Schaut her, was ich alles geleistet habe und wie unglaublich erfolgreich ich bin!“ Pleiten, Pech und Pannen behält man besser für sich. Wer will schon dastehen als einer, der etwas gründlich vergeigt hat? Dabei kennen wir alle Beispiele für gegen die Wand gefahrene Projekte, unternehmerische Fehlentscheidungen, Start-up-Eintagsfliegen, große und kleine Flops in allen möglichen Bereichen. Nur: gewesen sein will’s meistens keiner.

Scheitern gehört aber dazu. Es lässt sich nicht nur nicht verhindern, es ist auch notwendig, um voran zu kommen. In der Forschung sind z.B. missglückte Experimente völlig normal. Man muss viele Wege ausprobieren und immer wieder Risiken eingehen, um neue Erkenntnisse zu gewinnen. Und oft bekommt man ganz andere Ergebnisse als die, auf die man es eigentlich abgesehen hatte. Auch wenn im Wissenschaftsbetrieb Misserfolge nicht frenetisch gefeiert werden, der Umgang mit Fehlschlägen ist nach meiner Erfahrung dort deutlich entspannter als im Business.

Im Geschäftsleben verlangt der Zeitgeist – wenn schon, denn schon – ein erfolgreiches Scheitern. „Fail faster“ und „Fail forward“ heißen die Zaubersprüche aus dem Silicon Valley, die auch bei uns zunehmend die Runde machen. Und sie bedeuten nichts anderes, als nach einem Fehlschlag möglichst schnell und durch Lernerfolg besser gerüstet wieder in die Startblöcke zu gehen. Das funktioniert natürlich nicht immer (und ist vielleicht auch gar nicht immer wünschenswert) und läuft außerdem Gefahr, zur bloßen Attitüde zu werden, wenn jetzt überall vollmundig eine „neue Fehlerkultur“ angekündigt wird.

Umso mehr beeindruckt hat mich daher eine Beitragsreihe des Magazins „Impulse“. Unter dem Motto „Mein größter Fehler“ erzählen gestandene Unternehmer ihre ganz persönliche Geschichte vom Scheitern. Die Themen und Knackpunkte, die hierbei auf den Tisch kommen, kennen vermutlich alle, die selbst ein Unternehmen führen oder aufgebaut haben. Mir fiel jedenfalls zu jeder Geschichte spontan eine eigene Erfahrung oder die eines Bekannten ein. Hier eine Auswahl der „größten Fehler“:

(1) „Ich habe Mitarbeitern zu lange vertraut.“: Heribert Schamong, Geschäftsführer eines internationalen Schrotthandels und einer Kaffeerösterei, berichtet über den finanziellen Schaden und die menschliche Enttäuschung, die er durch zwei Betrugsfälle erleiden musste. Sein Fazit: Delegieren ist wichtig, aber man darf sich nicht auf das verlassen, was einem von Mitarbeitern gesagt wird. Kontrolle ist nötig, weil man als Unternehmer für alles haftet, was schief läuft.

(2) „Ich hätte den Vertrieb nicht aus der Hand geben sollen.“ Werner Strubs, Gründer und Vorstandsvorsitzender eines Software-Unternehmens erzählt, wie seine Firma von einem Vertriebspartner abhängig wurde und dadurch in eine Krise geriet.

(3) „Wir waren von einem Kunden abhängig.“: Theo Hartl, Inhaber eines renommierten Senfherstellers aus München, überließ ebenfalls Marketing und Vertrieb einem anderen Unternehmen, was dazu führte, dass schließlich 90 Prozent der Produktion für diesen Kunden erfolgte. Erst als die Manufaktur erweitert werden muss und der Großkunde Druck ausübt, erkennt Hartl die Gefahr und reißt das Steuer um.

(4) „Ich habe mich von Regierungen abhängig gemacht.“ Mathias Stinnes, Chef des bekannten Industriekonglomerats, berichtet von den Risiken, mit Regierungen Geschäfte zu machen. Er musste erfahren, dass langlaufende Verträge wenig wert sind, da der Planungshorizont der Politik meist nur wenige Jahre beträgt, Großinvestitionen jedoch oft über Jahrzehnte laufen.

(5) „Mein Bauch sagte ja, doch ich hörte auf meinen Kopf.“ Uwe Fehrmann, Seniorchef eines Metallverarbeitungsbetriebes, verpasste die Chance, sein Unternehmen breiter aufzustellen, weil seinen rationalen Bedenken folgte und deshalb den Sprung in einen fremden Markt scheute.

(6) „Die Begeisterung am Neuen unterdrückte mein Bauchgefühl.“ Volkmar Wywiol, Geschäftsführer der Wywiol-Stern Gruppe, zahlte ein hohes Lehrgeld für ein Joint Venture mit einem langjährigen Geschäftsfreund, der sich als wenig solide erwies. Jede Art von partnerschaftlicher Zusammenarbeit, so sein Fazit heute, muss genau geprüft und hinterfragt werden.

Die ausführlichen Artikel finden Sie im Magazin Impulse.

Für einen anderen Umgang mit dem Scheitern plädieren auch die Macher der „FuckUp Nights“. Am 27.08.2015 werden im OPEN AIR KINO Köln die Verlierer und Versager gefeiert, die von ihren vermasselten Projekten und in den Sand gesetzten Unternehmen berichten. Wer dabei sein möchte, kann sich hier anmelden. Tickets zum Preis von 3 EUR sind noch verfügbar. Mehr als 500 TeilnehmerInnen haben ihr Kommen bereits angekündigt.

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Quelle Foto: @ Rynio Productions – Fotolia.com

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