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Wertschöpfung durch Wertschätzung




 

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Es ist kein Zufall, dass Themen wie „Werte“ und „Emotionen“ in den letzten Jahren verstärkt Einzug in die ökonomische Praxis halten. Der Wandel zur Wissensökonomie hat einen Bedeutungswandel der „humanen Ressourcen“ im Wertschöpfungsprozess mit sich gebracht. Produktivität ist heute in erster Linie abhängig von der Fähigkeit der Mitarbeiter/innen, Wissen und Informationen bestmöglich zu einem „Mehrwert“ zu verarbeiten. In der sozialwissenschaftlichen Forschung weiß man schon lange, was heute zunehmend in den Unternehmen ankommt: Wissensarbeiter/innen sind dann besonders leistungsfähig, wenn sie in ihrem Arbeitsumfeld Freiräume, Mitbestimmungsmöglichkeiten und Wertschätzung erfahren.

Wertschöpfung durch Wertschätzung bedeutet also, dass die Erwirtschaftung von Sach- und Geldwerten auf der Basis der Wertschätzung der daran beteiligten Menschen stattfindet. Tipps für Führungskräfte, die den Wertschöpfungserfolg durch wertschätzendes Verhalten steigen wollen, gibt es reichlich. Hier ein kleiner Auszug:

  • Seien Sie offen und ehrlich zu Ihren Mitarbeitern
  • Schenken Sie Ihren Mitarbeitern Vertrauen
  • Hören Sie Ihren Mitarbeitern gut zu
  • Nehmen Sie sich Zeit für Ihre Mitarbeiter
  • Akzeptieren Sie Schwächen Ihrer Mitarbeiter
  • Verstärken Sie Stärken Ihrer Mitarbeiter
  • Geben Sie Ihren Mitarbeitern regelmäßig Feedback

So weit, so gut! Doch eines verblüfft mich bei der ganzen Debatte: Wie kommt es eigentlich, dass – wann immer von „Wertschätzung“ im Unternehmen die Rede ist – diese nahezu ausschließlich als Aufgabe von Führungskräften betrachtet wird?

Ich kann mir das nicht recht erklären. Vielleicht liegt das ja an einem ziemlich einseitigen Führungsverständnis. Wenn man sich die Ratgeberkultur zum Thema Führung anschaut, dann entsteht leicht der Eindruck, es handele sich bei „Führung“ um eine Einbahnstraße: Führung wird durch Führungskräfte gemacht. Und die brauchen dazu eben bestimmte Fähigkeiten und Fertigkeiten. Aber stimmt das überhaupt? Ist Führung ein Thema, das ausschließlich an Führungskräfte zu adressieren ist? Ich behaupte: Mitnichten!

Für mich ist und bleibt Führung eine soziale Beziehung. Und das bedeutet, dass auch diejenigen, die geführt werden, für die Qualität und den Erfolg dieser Beziehung (mit) verantwortlich sind. Der Führungserfolg ist immer ein Ergebnis der Beziehung zwischen Führenden und Geführten. Insofern ist das überbordende Angebot an Führungsratgebern und Schulungen reichlich asymmetrisch. Welche Fähigkeiten braucht man, um die Führungsbeziehung als Geführter kompetent zu gestalten? Auch diese Rolle muss ja aktiv wahrgenommen werden. Ich finde, es lohnt sich, darüber einmal nachzudenken.

Bezogen auf das Thema Wertschätzung plädiere ich also dafür, die Einbahnstraße der Führung aufzuheben. Was spricht denn dagegen, auch die Chefin/den Chef mal zu loben, dem Führungspersonal Anerkennung zu geben für ganz konkrete Leistungen? In den Chefetagen ist es oft einsam. Aus vielen Coachinggesprächen weiß ich: Ehrliche Kritik ist schon selten, doch positive Rückmeldungen sind noch größere Mangelware. Wie wäre es denn, die oben aufgeführte Liste wertschätzender Verhaltensweisen einfach einmal umzuadressieren? Das sähe dann so aus:

  • Seien Sie offen und ehrlich zu Ihrer/Ihrem Vorgesetzten
  • Schenken Sie Ihrer/Ihrem Vorgesetzten Vertrauen
  • Hören Sie Ihrer/Ihrem Vorgesetzten gut zu
  • Nehmen Sie sich Zeit für Ihre/Ihren Vorgesetzten
  • Akzeptieren Sie Schwächen Ihrer/Ihres Vorgesetzten
  • Verstärken Sie Stärken Ihrer/Ihres Vorgesetzten
  • Geben Sie Ihrer/Ihrem Vorgesetzten regelmäßig Feedback

Wertschöpfung durch Wertschätzung heißt für mich, eine Kultur zu erschaffen, in der ein wertschätzender Umgang über Hierarchieebenen hinweg, zwischen allen Bereichen und gegenüber allen Anspruchsgruppen einer Unternehmung (z.B. Kunden, Lieferanten) Realität ist. Die Verkürzung auf ein wertschätzendes Verhalten von Vorgesetzten gegenüber „Untergegebenen“ greift dafür deutlich zu kurz.

 

 

Quelle Foto: © Robert Kneschke – Fotolia.com

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