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Digitale Krise, Teil 2: KI – ganz viel Künstliche Dummheit?




 

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San Francisco, Februar 2019: Harish Natarajan betritt die Bühne und lächelt ins Publikum. In wenigen Minuten wird er sich einem Debattierwettstreit stellen, und bislang ist kein Redner häufiger siegreich aus Debatten herausgegangen als er. Seine Kontrahentin wird per Knopfdruck geweckt. Aus einer menschhohen Lautsprecherbox erklingt eine weibliche Stimme, die mit Natarajan um die Frage streiten wird, ob Kindergärten subventioniert werden sollten oder nicht. Zwar hat am Ende des von IBM initiierten „Project Debater“ Natarajan mehr ZuschauerInnen auf seine Seite gezogen, dennoch sind viele im Publikum der Meinung, das Debattiersystem hätte den Meister in den Schatten gestellt.

Immer wenn eine Maschine im Wettbewerb einen Menschen schlägt – auf dem Spielbrett, im OP oder eben Debattierclub, wird dies von KI-Anhängern frenetisch gefeiert und als Beweis für die Nützlichkeit, mehr noch: Überlegenheit künstlicher Intelligenz ins Feld geführt. Der Traum der Computerwissenschaft, Systeme zu erschaffen, die in der Interaktion nicht von einem menschlichen Gegenüber zu unterscheiden sind oder dieses überflügeln, ist Jahrzehnte alt. (Davor gehörte dieser Traum einem anderen Genre an.) Aber was genau wird dadurch bewiesen, dass IBMs Watson am Telefon gekonnt Versicherungen verkauft oder eine Software den besten GO-Spieler der Welt in Grund und Boden spielt? Das beweist, dass es gelungen ist, Systeme zu bauen mit einer vervielfachten Rechenleistung und Speicherkapazität und mit der Fähigkeit zur Verarbeitung riesiger Datenmengen. Nicht weniger, vor allem aber nicht mehr. Dennoch haben wir alle uns längst daran gewöhnt, im Zusammenhang mit Maschinen, Algorithmen und Systemen ganz selbstverständlich von „Intelligenz“ zu sprechen. Das ist ebenso fahrlässig wie falsch.

Fahrlässig ist es deshalb, weil die Einordnung des Begriffs „Intelligenz“ in den technischen Kontext Ängste schürt. Beim Unbehagen in der digitalen Kultur spielt KI nicht zufällig eine zentrale Rolle. „Künstliche Intelligenz“ ist vielen Menschen unheimlich, denn sie verbinden damit Vorstellungen von sich verselbständigenden Systemen, die nicht mehr kontrolliert und gesteuert werden können. Solche Ängste kulminieren im Schreckgespenst künstlicher Superhirne, die womöglich das Kommando übernehmen und den Menschen entmündigen.

Falsch ist es deshalb, weil es zwar so etwas wie maschinelles Lernen und sogar künstliche neuronale Netze gibt – „intelligent“ sind Maschinen und Systeme aber nicht. Versuche, das menschliche Hirn nachzubauen, stecken noch in den allerersten Anfängen und die Ergebnisse sind keine „Superhirne“, sondern die Abbildung mathematischer Modelle in Software. Die Systeme werden auf bestimmte Aufgabenstellungen (z.B. Bilderkennung, Go-Spiel) trainiert und funktionieren ausschließlich in dem vorgegebenen Kontext nach den vorgegebenen Regeln. Maschinen und Systeme verfügen eben nicht über die Fähigkeit, etwas zu entscheiden oder zu tun, weil sie es z.B. möchten. Sie besitzen kein eigenes Bewusstsein, keine Intuition, Kreativität, Empathie oder Erfahrung. Maschinen können nicht denken und fühlen. Der Begriff „Intelligenz“ ist daher fehl am Platz.

Es wäre viel gewonnen in der oft emotional geführten Diskussion um die digitale Revolution, wenn man sich dies immer wieder in Erinnerung riefe. Ebenso wie die Tatsache, dass es Menschen sind, die Algorithmen programmieren und sich selbst trainierende Systeme schaffen – und dabei ihr Weltbild, ihre Erfahrungen, ihre Werte und Vorurteile mit einbauen. Das wird oft ausgeblendet, wenn dem fehlbaren Menschen die scheinbar unfehlbare, objektive Technik gegenüber gestellt wird.

Vor allem aber sollten wir uns immer wieder klar machen, dass es Menschen sind, die die Anwendungsfälle für KI ersinnen. Wenn es uns nicht gelingt, die wirklich relevanten Probleme zu identifizieren und die richtigen Fragen zu stellen, dann werden wir statt smarter Unterstützung jede Menge „künstliche Dummheit“ produzieren. Und darunter auch solche von der gefährlichen Sorte.

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Quelle Foto: @ julien tromeur – Fotolia.com

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