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Digitale Krise, Teil 1: Das Unbehagen in der digitalen Kultur




 

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Wie das mit Hypes immer so ist: Während sich die einen noch fragen, was der neueste Trend für sie bedeutet, sehen die anderen schon dessen Zenit überschritten. So passiert es gerade mit der Digitalisierung. Auf der einen Seite gibt es massenhaft Veranstaltungen, die von revolutionären Umwälzungen künden und Organisationen wie Menschen fit machen wollen für das digitale Zeitalter. Auf der anderen Seite mehren sich die Zeichen, dass die Digitalisierung ihren Peak point womöglich schon hinter sich hat – zumindest in der ideologisch aufgeladenen Form, in der sie seit Jahren omnipräsent ist.

Die große Ernüchterung

In vielen Bereichen hat sich mittlerweile eine gewisse Ernüchterung eingestellt. Selbstfahrende Autos verursachen nicht weniger Staus als menschengelenkte. Roboter-Hotels funktionieren nicht einmal in Japan. Algorithmen machen sich im therapeutischen Einsatz traurig lächerlich. Soziale Medien erweisen sich (auch) als manipulative Meinungsbildner, Plattform für Hasstiraden und Mobbing-Werkzeug. Viele als innovativ angepriesene digitale Geräte haben keinen echten Mehrwert mehr. Digitale Anwendungen können nerven, sie tyrannisieren ihre Nutzer mit totaler Kontrolle oder rauben ihnen mit Inkompatibilität, Störanfälligkeit und Sicherheitslücken den Schlaf. Überhaupt: die Sicherheit! Cyberattacken verursachen jährlich ca. 400 Milliarden Dollar Verlust für die Weltwirtschaft. Mittlerweile stecken viele UnternehmenslenkerInnen mehr Zeit in das Thema IT-Security als in die Entwicklung von Innovationen.

Der Techlash hat begonnen

Die Skepsis gegenüber Internet-Giganten wie Google, Amazon oder Facebook ist in den letzten Jahren merklich gestiegen. Längst ist nicht mehr nur in den USA vom Techlash, einer Wortschöpfung aus Technology und Backlash (Gegenschlag), die Rede. Die Zeiten unbekümmerter Netzeuphorie scheinen endgültig vorbei. Denn statt der „klassischen“, eher abstrakten und philosophisch anmutenden Technikkritik, kommen nun ganz konkrete ethische und juristische Fragen in die Diskussion, die viele Menschen persönlich ansprechen.

Und: Erstmals werden Unternehmen, Institutionen und einzelne Personen konkret in die Verantwortung genommen. Die politischen Akteure haben begonnen, sich gegen die großen digitalen Konzerne zu wehren: 2018 musste Google wegen des Verstoßes gegen das EU-Kartellrecht eine Strafe in Milliardenhöhe zahlen, gegen Facebook stehen in 2019 weitere Ermittlungen im Camebridge Analytica-Skandal an und viele Staaten verschärfen Datenschutzbestimmungen und erlassen Gesetze, die die Macht der Tech-Titanen eindämmen sollen. Zahlen sollen Google, Apple und Co. endlich auch, und zwar Steuern in die Kassen all jener Staaten, in denen sie ihr Geld machen. Sogar Mark Zuckerberg, der nicht gerade für einsichtiges Verhalten bekannt ist, sah sich zu dem öffentlichen Versprechen genötigt, Facebook einem radikalen Umbau zu unterziehen. Der Druck wächst.

Doch der Techlash wird nicht allein aus dem Unbehagen über die Marktmacht der digitalen Monopolisten und deren Datensammelwut gespeist. Ebenso nähren Ängste vor Zukunftstechnologien wie Robotik und Künstliche Intelligenz sowie die Folgen digitaler Überreizung die kritische Debatte. Nicht zufällig erlebt das Dingliche, Handgemachte eine bemerkenswerte Renaissance. Der kanadische Journalist David Sax spricht hier von der „Rache des Analogen“ und tatsächlich erhält in einer Welt, in der alles immer verfüg- und leicht reproduzierbar ist, das Einzigartige, Einfache und Solide einen ganz besonderen Wert: Füllfederhalter, handgeschöpftes Papier, Polaroids, Langspielplatten aus Vinyl und all das Manufactumartige, das eben nicht nur alte Nostalgiker begeistert.

Was heißt „Digitale Revision“?

Es ist nicht ungewöhnlich, dass Trends in der gesellschaftlichen Entwicklung von Gegentrends begleitet werden: Wo Globalisierung ist, da gibt es auch Regionalisierung, neben ungebremster Konsumsucht gedeiht der bewusste Verzicht, der Lust am Fast Food stellt sich die Slow Food-Bewegung entgegen usw. Den Gegentrend zur digitalen Revolution bezeichnet der bekannte Zukunftsforscher Matthias Horx als digitale Revision. Er sieht darin eine Absage an den Totalitätsanspruch der Digitalität und eine (Wieder-)Hinwendung zum Humanismus, eine Rückbesinnung auf den Menschen als aktiven Gestalter der Zukunft. Horx appelliert in seinem Zukunftsbericht 2019 (Auszug hier: Das postdigitale Zeitalter) an die Bereitschaft, sich von verbreiteten Mythen des digitalen Zeitalters zu verabschieden. Dazu gehört z.B.:

  1. Wir sollten anerkennen, dass es immer menschlicher Entscheidungen bedarf, um digitale Technologien wie z.B. KI sinnvoll, d.h. im Dienste eines menschlichen Fortschritts einzusetzen – und uns kein noch so gut lernendes System diese Verantwortung abnehmen kann und wird.
  2. Wir sollten unterscheiden können zwischen purem Innovationismus und echtem Fortschritt. Zunehmend werden „Probleme“ gelöst, die eigentlich niemand hat. Das Mantra, dass ständig unser aller Leben verbessert werden müsse, gehört auf den Müll, mindestens auf den Prüfstand.
  3. Wir sollten dem Digitalen Grenzen setzen lernen, nicht nur, aber vor allem dort, wo die Menschlichkeit auf dem Spiel steht wie z.B. im Bereich der Pflege (Pflegeroboter), der Erotik (Sexroboter) oder medizinischen Fürsorge (Avatare als Psychotherapeuten).
  4. Wir sollten erkennen, dass eine unaufhörliche Steigerung der Effizienz, wie sie die Digitalisierung verspricht, letztlich in eine Sackgasse führt. Effizienz und Effektivität müssen immer ausbalanciert werden – eigentlich eine Binsenweisheit.

Die Ära der Postdigitalität

Um das Digitale zu erlösen, müssen wir es lieben.“ schreibt Horx in dem o.g. Auszug aus dem Zukunftsbericht. Das klingt mir persönlich etwas zu pathetisch, doch in der Sache stimme ich dem zu. Der Weg in ein postdigitales Zeitalter, das den Menschen wieder in den Mittelpunkt rückt, führt nicht über Technikfeindlichkeit. Gesellschaftliche und technologische Entwicklungen sind immer miteinander verschränkt. Jede neue Technologie führt zu Veränderungen im Gesellschaftlichen und Menschlichen. Man denke nur an die Erfindung des Buchdrucks, der Eisenbahn, der Elektrifizierung, des Rundfunks usw. Doch da es sich um Wechselwirkungsprozesse handelt, gilt auch umgekehrt: der Mensch prägt, verändert, überformt die Technologie. Dies gilt im Guten wie im Schlechten, wie das Beispiel Internet zeigt. Das Internet an sich ist weder „gut“ noch „böse“. Das, was sich in seiner Nutzung gegenwärtig an „Bösem“ zeigt und Teil der digitalen Krise ist – Hass, Fake News, Mobbing, Gier, Bewerteritis  – ist nichts anderes als Ausdruck menschlicher Motive und Gefühle.

Dem Eindruck, von der digitalen Revolution überrollt zu werden und den technologischen Entwicklungen wehrlos ausgeliefert zu sein, können wir etwas entgegensetzen: die Digitale Emanzipation. Das meint vor allem den Erwerb der Fähigkeit zu einem souveränen Umgang mit den digitalen Medien: einen bewussten Umgang mit den eigenen Daten pflegen, sich selbst bewusst vom Netz nehmen, virtuelle Freunde nicht mit echten Freundschaften verwechseln, den Selbstwert nicht an Klicks und Likes binden, den tatsächlichen Nutzen von Apps und Geräten hinterfragen, Fake News die eigene Realitätswahrnehmung entgegensetzen, sich nicht abhängig machen von digitalen Anwendungen usw. Vielleicht gibt es keinen Weg zurück zum „pre-internet brain“ (Douglas Coupland). Doch der gesunde Menschenverstand bleibt eine unterschätzte Ressource im Umgang mit der Digitalisierung.  Warum sollen wir technikgerechte Menschen erschaffen, wenn wir menschengerechte Technik machen können?

Fazit

Das Unbehagen in der digitalen Kultur reicht weit tiefer als Ängste vor bestimmten Technologien oder die Erschöpfung durch soziale Medien. Es ist das Unbehagen mit einer einseitig auf ökonomisch-technische Interessen ausgerichteten Fortschrittslogik, die sich durch den aggressiven Wachstumsdruck, den die Digitalisierung erzeugt, gerade selbst überholt. Dieses Unbehagen hat nicht erst mit der „digitalen Revolution“ begonnen, aber es scheint hier einen Kristallisationspunkt gefunden zu haben. In der Forderung nach menschlicheren Technologien schwingt hörbar auch der Wunsch nach einer menschlicheren Ökonomie mit.

Zum Weiterlesen:

Quelle Foto: @Sashkin – Fotolia

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