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Produktentwicklung mit der Zwicky Box




 

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Ungewöhnliche Produktideen, neue Varianten von Top-Sellern oder bahnbrechende Verbesserungen einzelner Produkte – all dies ist möglich mit einer Kreativitätstechnik, die zuverlässig Struktur in komplexe Sachverhalte bringt: die Zwicky Box. Während viele herkömmliche Kreativitätstechniken auf intuitiven und spielerischen Herangehensweisen beruhen, bietet die Zwicky Box einen systematischen und schematischen Zugang, der auch Personen anspricht, die eher analytisch „gestrickt“ sind. Gerade in der Zusammenarbeit mit KollegInnen aus technischen Bereichen ist dies ein großer Vorteil.

Ihren Namen verdankt diese Methode ihrem Erfinder, dem Schweizer Astrophysiker Fritz Zwicky. Im deutschsprachigen Raum ist sie als „morphologischer Kasten“ bekannt – was zwar ihren Charakter gut beschreibt, aber auch einigermaßen sperrig klingt. Morphologie ist die Lehre von der Form und Teil vieler Wissenschaftsdisziplinen. In der Linguistik beschreibt sie z.B. die Wortbildungs- und Formenlehre einer Sprache, in der Biologie befasst sie sich mit der Struktur und Form von Organismen und ihren Teilen. Entsprechend „geordnet“ geht es auch bei der Zwicky Box zu.

Die Grundidee der Methode besteht darin, verschiedene Kombinationsmöglichkeiten von Merkmalen (Parametern) und deren Ausprägungen zu sammeln, so dass eine mehrdimensionale Matrix entsteht und verschiedene Variationen untersucht werden können. Dabei wird angestrebt, möglichst das gesamte Spektrum denkbarer Lösungen abzudecken. Die Festlegung der Merkmale ist erfolgskritisch für die Durchführung der Zwicky Box. Sie erfordert Fachwissen und sollte möglichst überschneidungsfrei und vollständig sein.

Die Arbeit mit der Zwicky Box verläuft in fünf Schritten:

1. Definition der Problemstellung: Zunächst muss die Ausgangslage analysiert und geklärt werden, welches Problem genau bearbeitet werden soll. Dafür sollte man sich ausreichend Zeit nehmen, denn das ist nicht immer ganz einfach. Gibt es z.B. Kundenfeedback über schlecht zu öffnende Safttüten, sollte man nicht vorschnell definieren „Wie verbessern wir die Verschlüsse unserer Safttüten?“, sondern besser fragen „Wie verbessern wir die Konstruktion unserer Saftverpackungen so, dass ein bequemes und verschüttungsfreies Öffnen möglich ist?“ So kommen alle Aspekte von Saftverpackungen in den Blick und nicht nur die Verschlüsse – und weiter reichende Lösungen können entstehen.

2. Bestimmung der Merkmale: Nun werden die zentralen Merkmale gesammelt, die den Analysegegenstand beschreiben. Wichtig dabei ist, dass die Merkmale unabhängig voneinander sind, sich beeinflussen lassen und für das Gesamtproblem relevant sind. Der Effizienz zuliebe kann es sinnvoll sein, die Anzahl der Merkmale zu begrenzen. Die Merkmale werden in einer Spalte untereinander notiert; das ist der erste Schritt zur Matrix. Im o.g. Beispiel wären etwa Verpackungsart, Verpackungsgröße, Material, Verschlussart und Material des Verschlusses wichtige Merkmale.

3. Bestimmung möglicher Merkmalsausprägungen: Zu jedem Merkmal sammelt man anschließend mögliche Merkmalsausprägungen und notiert diese in einer Zeile daneben. Hier kann man seiner Phantasie freien Lauf lassen. Ergeben sich beim Sammeln zu viele Ausprägungen und möchte man sich hier nicht begrenzen, empfiehlt es sich, Teilmatrizen zu erstellen. So behält man den Überblick. Die Zwicky Box könnte in unserem Beispiel in etwa so aussehen (allerdings bin ich keine Spezialistin für Saftverpackungen…)

4. Bestimmung möglicher Kombinationen: Nun werden alle möglichen Kombinationen von Merkmalen und Ausprägungen in der Matrix durch Linien miteinander verbunden.

Zwei Kombinationsmöglichkeiten wären in unserem Beispiel etwa:

5. Auswertung: Abschließend werden die Kombinationen ausgewertet und mögliche Alternativen aufgezeigt. Am Ende soll die Entscheidung für eine Alternative getroffen werden. Deren Überprüfung auf Wirtschaftlichkeit und technische Umsetzung sollte möglichst erst im Nachgang erfolgen, um den kreativen Prozess nicht zu früh abzubrechen.

Für die Durchführung der Methode sollten Sie etwa ein bis zwei Stunden Zeit einplanen, je nach Komplexität der Fragestellung. Es empfiehlt sich, in einer Gruppe mit bis zu acht Personen zu arbeiten, um eine entsprechende Vielseitigkeit bei der Lösungsfindung zu befördern; grundsätzlich kann man die Zwicky Box aber auch allein oder in einer größeren Gruppe zum Einsatz bringen. Größere Gruppen sind jedoch meist weniger effizient, und eine one-(wo)man-Show produziert oft nur den sprichwörtlichen „eigenen Saft“, in dem man sowieso schon „schmort. Es kann auch von Vorteil sein, Ausprägungen und Merkmale von unterschiedlichen Gruppen erarbeiten zu lassen. Wenn KollegInnen Ausprägungen zu Merkmalen erarbeiten, ohne die ursprüngliche Fragestellung zu kennen, sind sie frei von Denkbarrieren und es können originelle Ideen entstehen.

Disruptionen und radikale Innovationen sind von der Arbeit mit der Zwicky-Box zwar nicht zu erwarten, doch sollte das Potenzial dieser Methode nicht unterschätzt werden. Ihr Wert liegt darin, bestehende Ansätze zu neuen Ergebnissen zu kombinieren und so bereits vorhandene Produkte zu verbessern und zu erweitern – in dynamischen Märkten eine Notwendigkeit für jedes Unternehmen. Viel Spaß beim Ausprobieren!

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Quelle Foto: @ Africa Studio – Fotolia.com

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