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Ambient Assisted Living, Teil 1: Riesiger Wachstumsmarkt mit Zukunft




 

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Der Herd, der sich beim Verlassen des Hauses selbst abschaltet, die Lesebrille, die dank IoT-Verknüpfung schnell gefunden ist oder die smarte Pillendose, die an die Einnahme von Medikamenten erinnert – all dies sind Produkte, die das Leben leichter machen, nicht nur, aber vor allem im Alter. Mit Ambient Assisted Living (AAL), sogenannten „altersgerechten Assistenzsystemen“, eröffnet sich ein riesiger, milliardenschwerer Wachstumsmarkt mit besten Zukunftsaussichten.

Ü65 – attraktive Zielgruppe für Tech-Unternehmen

Für die Tech- und Digitalbranche waren über 65-Jährige lange Zeit keine attraktive Zielgruppe: zu wenig technikaffin, zu wenig fit im Umgang mit Internet und Co. und zu skeptisch gegenüber Innovationen. Das ändert sich gerade fundamental, und zwar aus drei Gründen:

  1. Menschen jenseits der 65 besitzen zunehmend Interesse am und Kompetenzen im Umgang mit smarten Technologien und nutzen in wachsender Zahl digitale Angebote. Dieser Trend wird sich „natürlicherweise“ weiter verstärken, da die heutigen Mid Ager (45-64 Jahre) mehr als die Generationen vor ihnen bereits mit der digitalen Kultur vertraut sind.
  2. Der Anteil der Senior*innen an der Gesamtbevölkerung steigt – in der Europäischen Union ebenso wie in den USA und China. In Deutschland beträgt der Anteil der über 65-Jährigen aktuell ca. 22%, im Jahr 2030 wird dieser Wert auf 26% steigen, im Jahr 2040 etwa 29% betragen und 2060 könnte fast ein Drittel der deutschen Bevölkerung 65 Jahre und älter sein, 12 % sogar älter als 80 Jahre (unter der Annahme einer moderaten Entwicklung mit niedrigem Wanderungssaldo, lt. Statistischem Bundesamt).
  3. Die Zielgruppe der Senior*innen ist aber nicht allein wegen ihrer wachsenden Größe attraktiv, sondern auch (und in diesem Fall besonders), weil es ein zentrales Bedürfnis innerhalb dieser Zielgruppe gibt: der Wunsch, so lange wie irgend möglich eigenständig, gesund und selbstbestimmt in den eigenen vier Wänden zu leben. Dieser Wunsch befeuert den Markt für Systeme, Produkte und Dienstleistungen in den Bereichen Smart Home, Smart Living und Digital Health enorm.

Marktchancen für alle

Der milliardenschwere Wachstumsmarkt hält Chancen für etablierte große Unternehmen genauso bereit wie für findige Start-ups mit innovativen Geschäftsmodellen. Alt eingesessene Firmen, die mit bekannten Marken am Markt präsent sind, wie z.B. Philips, genießen jedoch gerade bei Älteren einen Vertrauensvorschuss. Zudem verfügen große Konzerne über entsprechende Ressourcen und Netzwerke, um umfassende Systeme und Lösungen „aus einer Hand“ anbieten zu können. Junge Start-ups konzentrieren sich hingegen meist nur auf einen Usecase (z.B. Sturzerkennung), sodass die Kund*innen sich ihre individuellen Lösungen bei verschiedenen Anbietern selbst zusammenstellen müssen.

Auf der anderen Seite verfügen Start-ups oft über eine höhere Innovationskraft und -geschwindigkeit als etablierte Unternehmen. Am meisten Erfolg versprechen daher Kooperationen von kleinen Sart-ups, die eine spezielle Expertise und Idee mitbringen, und großen Playern, die mit Markenbekanntheit und erprobten Vertriebsstrategien die neuen Produkte und Dienstleistungen am Markt durchsetzen können.

Ein Problem bleibt: die Finanzierung

Obwohl der Markt riesig ist und smarte Technologien aus dem Alltag vieler Menschen nicht mehr wegzudenken sind, haben sich altersgerechte Assistenzsysteme noch nicht in dem Maße durchgesetzt, wie zu erwarten wäre. Konzepte und Technologien sind vorhanden, kommen in privaten Senioren- und Pflegehaushalten aber kaum an. Teilweise mag dies daran liegen, dass Installation und Bedienung der Systeme und Produkte (noch) zu aufwändig und kompliziert anmuten (oder es tatsächlich sind), so dass potenzielle User abgeschreckt werden.

Mit Sicherheit ein wichtiger Grund für die fehlende Durchsetzung ist aber die Finanzierung. Gerade ältere und pflegebedürftige Menschen scheuen die oft hohen Ausgaben und/oder verfügen nicht über entsprechende Budgets. Die Pflegekassen gewähren unter bestimmten Voraussetzungen (z.B. Bewilligung einer Pflegestufe) zwar Zuschüsse zu einer Verbesserung des Wohnumfeldes, wer jedoch selbst schon einmal im Dschungel der Bürokratie gefangen war, weiß, dass dies keine sonderlich attraktive Option ist. Besonders zu Beginn einer Pflegebedürftigkeit ist die Bewilligung von Pflegegraden ein zeit- und nervenfressendes Unterfangen.

Und was ist mit Ethik?

Was bei aller Begeisterung für die wirtschaftlichen Chancen und die durch AAL möglichen Erleichterungen für einen selbstbestimmten Lebensabend leider oft ausgeblendet wird, sind die ethischen Fragen. Wo verläuft die Grenze zwischen Kontrolle/Fürsorge und Überwachung/Bevormundung? Was bedeutet Privatheit im Kontext von AAL? Wie ist es zu bewerten, dass durch die technologische Unterstützung Fähigkeiten älterer Menschen abgebaut werden könnten? Und wer entscheidet über den Zugang zu den „altersgerechten Assistenzsystemen“?

In Teil 2 dieses Beitrag wird es deshalb um diese und ähnliche Fragen sowie mögliche ethische Leitlinien für einen Einsatz von AAL gehen.

Anregungen, Ergänzungen und Kommentare sind wie immer sehr willkommen!

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Quelle Foto: @ Andrea piacquadio – pexels

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