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Erfinde dich neu – bevor es ein anderer für dich tut!




 

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Wie käme Ihr Arbeit- oder Auftraggeber zurecht, wenn es Ihren Beruf nicht mehr gäbe? Seltsame Frage? Keineswegs! Denn mit Blick auf die Umwälzungen am Arbeitsmarkt – Stichwort Wirtschaft 4.0 – ist dies eine Frage, die jede und jeder sich stellen sollte, und zwar besser früher als später. Bis zum Jahr 2035 werden in Deutschland schätzungsweise 1,5 Millionen Arbeitsplätze durch Computer oder Roboter ersetzt werden. Im verarbeitenden Gewerbe, der größten Branche, arbeiten mehr als die Hälfte der MitarbeiterInnen in Jobs, die künftig von Maschinen erledigt werden können. Einen besonders hohen Substituierungsgrad gibt es erwartungsgemäß in den Fertigungsberufen; hier liegt das Potenzial für eine Automatisierung der Tätigkeiten bei über 80%. Zu diesem Ergebnis kommt das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung in einer aktuellen Studie (s.u.). Aber auch im Bereich der Finanz- und Versicherungsdienstleistungen wird die Luft dünn. Kreditprüfung, Versicherungsmathematik, Buchhaltung: glaubt man C.B. Frey von der Oxford University, so gehen derzeit gut 48% der Beschäftigten in den USA Tätigkeiten nach, die durch Technik ersetzt werden können. Bildung schützt nicht mehr vor Arbeitslosigkeit.

In Deutschland ist es ähnlich. Zwar wird sich das Gesamtniveau der Beschäftigung Modellrechnungen zufolge bis 2035 nur geringfügig verändern, da fast ebenso viele neue Jobs entstehen wie durch die Digitalisierung wegfallen. Es sind aber große Umbrüche in der Struktur der Arbeitswelt zu erwarten: Branchen, Berufe und Anforderungen werden sich stark verändern. Insofern macht es besten Sinn, die eigene berufliche Tätigkeit mit diesem Fokus zu hinterfragen – bevor Anstellung oder Geschäftsmodell wegbrechen. „Disrupt yourself“ nennt Christoph Keese, gelernter Journalist und seit 2017 Geschäftsführer der Axel Springer Hy GmbH, dieses Vorgehen. Er empfiehlt allen, die ihren Job auf der Liste der bedrohten Berufe wähnen, dazu, die eigene Überflüssigkeit in einem Gedankenexperiment vorweg zu nehmen. Und dieses Selbstcoaching geht (in leicht abgewandelter Form) so:

(1) Gestehen Sie sich Ihre Ängste ein und sprechen Sie diese aus. Das bringt Entlastung und hilft dabei, sich zu sortieren.

(2) Zeichnen Sie ein Worst-Case-Szenario: Was ist das Schlimmste, das passieren kann? Was mache ich in diesem Fall? Was brauche ich wirklich zum Leben? Wie kann ich meinen Unterhalt finanzieren? Diese Fragen helfen dabei zu erkennen, dass die Welt nicht untergeht, sondern dass immer Möglichkeiten gefunden und Ressourcen mobilisiert werden können. Manchmal entstehen auch schon aus diesen Überlegungen heraus Impulse für eine Neuorientierung.

(3) Stellen Sie sich vor, Ihr Beruf oder Ihr Geschäftsmodell würde durch einen Disruptor mit Hilfe von Automatisierung und Künstlicher Intelligenz überflüssig gemacht. Wie würde dieser Disruptor dann die Tätigkeit/ das Geschäft organisieren? Welche Kompetenzen würden benötigt? Welche Konsequenzen hätte das? Bei diesem Gedankenexperiment sind Kreativität und Radikalität gefragt. Das Experiment vergegenwärtigt die Risiken – ebenso aber auch die Chancen. Sie gewinnen Ideen für einen Neuanfang.

(4) Trennen Sie „Beruf“ und „Fähigkeiten“. Für die meisten Menschen ist ihr Beruf identitätsstiftend. Es heißt ja auch „Ich bin…Pilotin, Maschinenbauer, Gärtner. Verabschieden Sie die Vorstellungen vom „Traumjob“ oder „Beruf als Berufung“. Schauen Sie stattdessen auf Ihre Fähigkeiten. Sie werden feststellen, dass Ihre Fähigkeiten, Neigungen und Talente zu vielen Tätigkeitsfeldern und Berufen passen, nicht nur zu einem. Das verhilft zu innerer Flexibilität.

(5) Durchlaufen Sie den Prozess der Selbstdisruption in kleinen Schritten.Entwerfen Sie iterativ unverbindliche Neuorientierungen. Die Verbindlichkeit können Sie später steigern. Das Entscheidende ist, dass die Dynamik in Gang gesetzt wird.

Mir gefällt dieses Vorgehen, und ich finde es hilfreich nicht nur für alle, deren berufliche Tätigkeit konkret durch technische Substituierung gefährdet ist. Ein solches Gedankenexperiment öffnet z.B. auch für Unternehmen neue Perspektiven und Optionen und erhöht die Flexibilität.

Letztlich kann niemand sagen, welche Auswirkungen die Digitalisierung auf den Arbeitsmarkt haben wird. Studien, die sich mit dem Verschwinden von Arbeitsplätzen und Berufsbildern befassen, können Hypothesen bilden. Dabei wird immer von dem ausgegangen, was (derzeit) technisch möglich ist. Ob und wie diese technischen Möglichkeiten ausgenutzt werden, ist jedoch schwer vorhersagbar. Das Gleiche gilt für die gesellschaftlichen Veränderungen, die mit dem digitalen Wandel einhergehen. Hier sind sehr, sehr unterschiedliche Szenarien denkbar.

Was mich an den Debatten zum Thema allerdings stört, ist, dass sie  – egal ob eine positive oder eine negative Sicht überwiegt – fast immer so geführt werden, als seien all diese Entwicklungen unausweichlich, als könnten wir dem „Lauf der Dinge“ nichts entgegensetzen. Das finde ich grundlegend falsch. Denn das zeichnet den Menschen ja gerade aus, dass er vernunftbegabt ist, in der Lage zu entscheiden und seine Lebensumwelt und seine Zukunft zu gestalten. Deshalb sollte m.E. nicht nur jede und jeder den Blick auf die eigene potenzielle Substituierbarkeit richten, um der „Wegdigitalisierung“ zu entkommen. Es geht um viel mehr. Es geht um die Frage, wie wir leben wollen.

Zum Weiterlesen:

Literaturhinweis: Christoph Keese (2018), Disrupt yourself, München: Penguin

Quelle Daten: IAB Kurzbericht 9/2018 Arbeitsmarkteffekte der Digitalisierung bis 2035 (pdf )

Quelle Foto: @Orlando Florin Rosu – Fotolia.com

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