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Fokus auf alles!




 

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Handwerker sind invasiv. Hat man ihnen einmal die Tür geöffnet, fallen sie in alle Räume ein und besetzen ihr Terrain. Eigentlich hatte ich mir ja vorgenommen, nichts über die hinter uns liegende Bauphase zu schreiben. Wenn die Erfahrungen bloß nicht so lehrreich wären. Beim Bauen sieht man eigentlich alles: von strategischer Ahnungslosigkeit über fehlende Kommunikation bis hin zu misslingender Selbstorganisation. Ein gewisses Chaos war durchaus einkalkuliert, da klar war, dass die meisten Arbeiten parallel ablaufen würden. Innerhalb von drei Monaten musste die Sanierung durch sein, denn unser altes Haus war bereits verkauft.

Mit einer guten Koordination, so dachte ich mir, würde es schon gehen. Ich machte also Zeitleisten und plante die Abfolge von Arbeiten über die Grenzen der Gewerke hinweg gemeinsam mit den Chefs der beauftragten Firmen. Mein Kanban-Board (Trello) leistete mir dabei gute Dienste. Das Feintuning sollten die Handwerker selbst übernehmen, indem sie sich vor Ort „cross-funktional“ abstimmen. Für daily Stand-ups konnte ich die Herren leider nicht begeistern („Oh nööö, das müssen wir schon jeden Morgen im Betrieb, bäääh“, „Son Gesabbel braucht echt kein Mensch.“, „Nee, lass mal, das machen wir sowieso nebenbei.“) Na gut.

Doch wie das dann so ist: Die Elektriker bohren die neu verlegten Rohre der Installateure an. Die Installatuere machen schnell noch einen Durchbruch an der vom Lehmputzer gerade fertiggestellten Wand. Der Lehmputzer läuft dem Fliesenleger über den frisch verfugten Küchenboden. Der Fliesenleger blockiert das Bad, das die Maler soeben verspachteln wollten. Und die Maler? Die verteilten ihr Equipment im gesamten Haus und erklärten jeden Raum zu ihrer uneingeschränkten aktuellen Arbeitszone. Das Problem dabei war, dass alle anderen Handwerker es für sich ebenso sahen.

Mein Eindruck war schließlich, dass alle an allen Ecken irgendetwas angefangen, aber nur sehr wenig fertiggestellt hatten –  bei einem immer näher rückenden Umzugstermin natürlich etwas unbehaglich. In einer Kaffeepause sagte ich deshalb: „Leute, ihr müsst euch mal auf eine von euren Sachen fokussieren und die dann fertig machen, sonst stehen wir uns hier noch Monate auf den Füßen rum. Fokus, Leute!“ „Aber wir haben Fokus!“, bekam ich entrüstet als Antwort  zurück. „Wir haben Fokus auf ALLES, Monika!“ Super Witz – ich wartete auf kreischendes Gelächter. Aber die anderen in der Runde nickten nur zustimmend. „Jo!“

Fokus also. In seinem lateinischen Ursprung bedeutet Focus „Herd“ oder „Feuerstelle“. Im physikalischen Kontext bezeichnet der Fokus den Brennpunkt einer optischen Linse. In beiden Fällen geht es darum, dass etwas (Menschen, Strahlen) zusammenkommen und sich an einem Punkt konzentrieren. Fokus im umgangssprachlichen Sinne meint die Konzentration der Aufmerksamkeit auf ein bestimmtes Thema, Ziel oder eine Aufgabe. Beim Fokussieren geht es daher nicht allein um das Setzen von Prioritäten, sondern vor allem um die Kunst des Weglassens. Um den Brennpunkt scharf zu halten, müssen Optionen und Aktivitäten begrenzt und das heißt: ausgeschlossen werden. Steve Jobs sagte einmal sinngemäß, Fokus dürfe nicht verwechselt werden mit einem „Ja“ zu der einen Sache, auf die man sich konzentriere. Fokus sei ebenso ein „Nein“ zu den 1.000 anderen Dingen, die ebenso möglich gewesen wären.

In Unternehmen ist eine „Fokus-auf-Alles-Haltung“ recht häufig zu beobachten. Da sollen neben den laufenden Entwicklungsprojekten noch Prozesse verbessert, Innovationsinitiativen gestartet und ein Changeprojekt aufgesetzt werden. Grundsätzlich kein Problem, sofern man über ausreichend Ressourcen in jeglicher Hinsicht verfügt. Da diese Bedingung in aller Regel aber nicht erfüllt ist, stehen Unternehmen häufig vor dem Problem, sich mit ihren diversen Vorhaben zu verzetteln. Denn oft gibt es nur halbherzige Priorisierungen und noch weniger Bereitschaft, auf Projekte zu verzichten. „Fokus“ bedeutet in so einem Fall:

  • zu überprüfen, in welcher Weise und in welchem Umfang ein jedes Projekt zum Unternehmenserfolg beiträgt.
  • auf dieser Basis eine eindeutige Rangfolge der Projekte zu erstellen – „gleich wichtig“ gibt es nicht.
  • wenig produktive Projekte abzubrechen.
  • neue Projekte nur zu starten, wenn zuverlässig ausreichend Ressourcen zur Verfügung stehen (siehe meinen Beitrag zum Multiteaming). Dies kann bedeuten, dass ein neues Projekt erst starten kann, wenn ein anderes abgeschlossen oder abgebrochen wurde.
  • Ressourcenfragen zugunsten höher priorisierter Projekte zu entscheiden.

Auf unserer kleinen privaten Baustelle setzte ich nun den Fokus. Ich sagte „Ja“ zum festgelegten Umzugstermin und „Nein“ zu perfekten Fußleisten, montierten Steckdosenabdeckungen und gestrichenen Kellerwänden usw. Und da Aktionen bekanntlich mehr bewirken als Worte (auf Baustellen trifft das definitiv zu), schritt ich zur Tat. Ich räumte auf. Gnadenlos. Leere Farbeimer, Spachtel, Cuttermesser, Klebeband, Leitern, ja sogar die ekligen Malervliese wanderten durch meine Hände nach draußen. Raum für Raum.

„Die Zeit des Malers ist vorbei.“ Eine Woche lang wiederholte ich diesen Satz – und siehe da! – das Arbeitstempo des Kollegen vervielfachte sich und der Satz wurde wahr.  Fliesen brachten wir in den Keller, Leerrohre landeten im Carport, Pappen auf der Straße. Nach und nach holten wir uns unsere Räume zurück. Als besonders effektiv erwies sich das Einsammeln von Werkzeug – da wurde die Lage ernst. Vielleicht war unsere Baustelle ja einfach nur zu gemütlich gewesen. „Fokus auf Alles!“ bleibt in jedem Fall ein geflügeltes Wort im Hause Setzwein.

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Quelle Foto: @ olly – Fotolia.de

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