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Perfektionismus – wie man der Perfektionismus-Falle entkommt (Teil 2)




 

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Kennen Sie Menschen in Ihrem näheren Umfeld, die immer alles 120-prozentig machen? Und damit andere tyrannisieren und Entwicklungen ausbremsen? Stellen Sie an sich selbst perfektionistische Züge fest, mit denen Sie sich das Leben schwermachen, oder bringen Ihre hohen Ansprüche Sie gar an den Rand Ihrer Kräfte? Dann ist es höchste Zeit, Wege aus der Perfektionismus-Falle zu finden. Nachdem ich in meinem letzten Artikel „Perfektionismus – akkurat in den Abgrund“ die typischen Merkmale von Perfektionisten und die dunkle Seite des ungebremsten Optimierungsstrebens beschrieben habe, möchte ich im folgenden einige praktische Übungen vorstellen, mit denen man sich perfektionistische Zwänge ein Stück weit abtrainieren kann.

Tipp 1: Lernen Sie von faulen und schludrigen Mitmenschen

Okay, das klingt jetzt vielleicht ein bisschen hart. Und ganz bestimmt gilt das auch nicht für alle Fälle, dennoch – ein Versuch lohnt sich. Schauen Sie sich das Verhalten von KollegInnen oder Bekannten, die Sie für „faul“ halten, einmal genauer an. Warum ärgert es Sie eigentlich, dass jemand mit 80% gut durchkommt? Oder sich kleine Fehler von Herzen gern verzeiht? Wie zufrieden sind diese Menschen? Wie erfolgreich? Wie gehen sie mit Druck um? Vielleicht können Sie sich von mancher Haltung ja eine Scheibe abschneiden. Wenn Ihnen die Übung schwerfällt, beginnen Sie damit in Bereichen, die Ihnen weniger wichtig sind.

Tipp 2: Üben Sie, mal nicht perfekt zu sein

Auch, wenn es zunächst einige Überwindung kosten mag, gezielt un-perfekt zu sein kann richtig Spaß machen. Den meisten Perfektionisten ist es z.B. ein Gräuel zu spät zu kommen, daher planen sie oft übertriebene Zeitpuffer ein. Verzichten Sie auf diese Zeitpuffer oder noch besser: üben Sie, zu Verabredungen gezielt zu spät zu kommen, nur ein paar Minuten. Wenn Sie immer akribisch darauf achten, perfekt gekleidet ins Büro oder zu Veranstaltungen zu gehen, wählen Sie künftig öfter mal ein Outfit, bei dem nicht alles farblich abgestimmt ist, gehen Sie mit ungeputzten Schuhen aus dem Haus, tragen Sie ungebügelte Jeans. Wenn Sie bei Feierlichkeiten stets auf eine perfekte Organisation bedacht sind und gewöhnlich schon Wochen im voraus Essen und Dekoration planen, laden Sie Ihre Freunde und Verwandten doch einfach mal auf eine „Schmeiß-Party“ ein – jeder Gast bringt eine Speise mit und alle Speisen werden zu einem Buffet zusammen „geschmissen“. Wichtig ist, dass Sie Ihren Kontrollimpuls unterdrücken: Hüten Sie sich davor, den Ober-Koordinator zu machen, um ein ausgewogenes Buffet zu erhalten. Lassen Sie sich einfach überraschen!

Tipp 3: Trainieren Sie Ihre Spontaneität

Perfektionistisch veranlagte Menschen sind selten spontan. Im Gegenteil führen die exorbitant hohen Ansprüche häufig dazu, dass geplant und geplant und nochmal geplant wird. Folgen Sie öfter mal Ihren ersten Impulsen. Setzen Sie sich enge Zeitlimits für Entscheidungen. Statt z.B. wochenlang nach einem passenden Hotel zu suchen, begrenzen Sie die Suche auf eine Stunde. Unternehmen Sie öfter etwas, das Sie nicht durchgeplant haben, verabreden Sie sich spontan, lassen Sie einfach mal einen Termin sausen, wenn Ihnen danach ist.

Tipp 4: Stellen Sie die Peitsche in die Ecke

„Sei nicht so hart zu Dir selbst“ – der Herr Bourani hat ja recht mit seinem neuen Song. Perfektionisten geben sich oft selbst die Peitsche, um ihren Ansprüchen gerecht zu werden. Ein Stück weit ist es natürlich hilfreich, sich selbst antreiben und auch mal über die eigenen Grenzen gehen zu können. Ist der eigene Selbstwert jedoch überwiegend oder sogar ausschließlich an Leistung gekoppelt, wird es gefährlich. Versuchen Sie, die innere Peitsche immer öfter in die Ecke zu stellen, sprechen Sie mit Ihrem inneren Antreiber (Ja, führen Sie ruhig mal Selbstgespräche, warum denn nicht?). Eine gute Übung für Menschen, die stark auf Leistung gepolt sind, ist es, Zeit zu verschwenden. Tun Sie nutzlose Dinge! Lernen Sie sich selbst zu mögen – ganz ohne „Heldentaten“. Denn schließlich verlangen Sie ja auch von Freunden und Liebsten keine Höchstleistungen, um sie zu mögen. Oder?

Tipp 5: Verzichten Sie auf „absolute“ Kontrolle

Viele Perfektionisten sind wahre Kontrollfreaks. Sie sind beherrscht vom Misstrauen gegenüber anderen, wenn sie mal eine Aufgabe delegiert haben oder in anderer Weise davon abhängig sind, dass jemand anderes etwas erledigt. Versuchen Sie, gezielt Ihr Kontrollbedürfnis zu unterdrücken. Machen Sie sich klar, dass es eine „absolute“ Kontrolle und Sicherheit ohnehin nicht geben kann. Stellen Sie sich vor, wieviel Zeit (und wie viel Raum im Kopf) Sie gewinnen, wenn Sie auf Kontrollrituale verzichten. Kontrollieren Sie nur noch an den Stellen, an denen es objektiv unerlässlich ist. Das lässt sich am besten in Gesprächen mit Menschen herausfinden, die keine Kontrollfreaks sind 😉 Wenn Sie sich beim Kontrollieren ertappen, hinterfragen Sie stets die Notwendigkeit und Angemessenheit Ihres Verhaltens.

Ich wünsche Ihnen viel Spaß beim Trainieren! Und vielleicht haben Sie ja auch noch den einen oder anderen Tipp gegen übertriebenen Perfektionismus auf Lager. Kommentare und Anregungen sind wie immer sehr willkommen.

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Quelle Foto: @alphaspirit – Fotolia.com

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